Evangelischer Kirchenkreis Lübbecke

Worte der Besinnung für den 30. Mai 2026

Pfarrer Friedrich Stork

Wenn ich sehe die Himmel, deiner Finger Werk, den Mond und die Sterne, die du bereitet hast: was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst, und des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst?“ [aus Ps 8]
Ausgestreckt im Gras liegen. Den Boden spüren. Die Augen entspannen sich in der Weite des Himmels. Immer weiter dringen sie in das leuchtende Blau. Die Welt ist völlig aus dem Blickwinkel entrückt. Einen Ruhepunkt finden zwischen den Wolkenbergen, die langsam in immer neuen Figuren durch das Firmament ziehen. Die Seele schaukelt im Wind. Muße.
An diese Szene aus meiner Kindheit erinnere ich mich immer wieder gerne. Augenblicke selbstvergessenen Glücks waren es, wenn ich hinter dem Haus auf dem Rasen lag und alles um mich herum in den Hintergrund trat. „Wenn ich sehe die Himmel, deiner Finger Werk, was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst.“

In Psalm 104 heißt es in feiner und tiefsinniger Unterscheidung: „Licht ist dein Kleid, das du anhast.“ Die Schöpfung ist wie eine glänzend schöne Kleidung, die Gott bedeckt. Kleidung verhüllt nicht nur unseren Körper. Sie zeigt auch sehr viel von unserer Persönlichkeit: Geschmack, Temperament, unser Selbstverständnis. In dieser Weise ist die Schöpfung das Kleid Gottes. Was wir sehen, hören, riechen und schmecken, ist das Werk seiner Hände. Es ist nicht Gott selbst – so nah es manchen heute in der Abgeschiedenheit des Waldes erscheinen mag. Aber dennoch sagt diese Kleidung sehr viel über Gott aus. Sie ist einladend, betörend schön, in manchen Falten auch dunkel und herb.
Und sie ist eine Einladung zum Gespräch, wie es in Psalm 19 heißt: „Die Himmel erzählen die Ehre Gottes.“ Diese Erzählung handelt davon, wie Gott zu uns und unserem Leben steht. Sie ruft immer wieder in Erinnerung, wie viel Güte und Schönheit uns jeden Tag umgibt. Jeden Tag ist Gott da und legt uns seine Geschenke zu Füßen und vor die Augen; wir müssen sie nur einsammeln: Luft zum Atmen, der Wechsel von Tag und Nacht, das Leuchten der Blumen, das Spiel der Wolken am Himmel. Und es muss immer wieder davon erzählt werden, als wenn es über Nacht in Vergessenheit gerät. Wir selbst vergessen es von einem Tag auf den anderen. Unser Bewusstsein sinkt ab in die Sedimente des Alltäglichen, in denen alles so fest und zäh erscheint. Und manchmal auch so zermürbend.

„Die Himmel erzählen die Ehre Gottes.“ Sie lehren uns das Staunen über das Leben und die Güte Gottes. Sie erinnern an seine alltägliche Nähe, wenn die Welt zu unserem Leben schweigt oder Gott selbst unvorstellbar weit entfernt scheint. Vielleicht bringen sie uns sogar dazu, uns einmal wieder ins Gras zu legen, einfach müßig, und ein Teil zu werden von dieser Erzählung: Wenn ich sehe die Himmel, deiner Finger Werk: Was bin ich, dass du meiner gedenkst.“


Pfr. Friedrich Stork
Ev. Martins-Kirchengemeinde Espelkamp