Evangelischer Kirchenkreis Lübbecke

Worte der Besinnung für den 28. Februar 2026

Pfarrer Michael Beening

„Strafe muss sein!“ – Als ich diesen bitteren Satz zum ersten Mal bewusst gehört habe, hatte ich in der Grundschule beim Diktat abgeschrieben. Meine Eltern wurden von der Klassenlehrerin zum Gespräch eingeladen, und ich musste eine Schulstunde lang in einer 4. Klasse nachsitzen. Noch heute weiß ich, wie peinlich das war, wie sehr ich mich geschämt habe und wie entschlossen ich verhindern wollte, dass mir etwas Ähnliches jemals wieder passieren würde.
Geklappt hat das sicher nicht immer, denn manchmal war die Versuchung stärker als die Angst vor den Konsequenzen. Aber vielleicht hat mich diese erste Straferfahrung vor einem zu leichtfertigen Umgang mit den geltenden Regeln bewahrt, die nun mal sagen: Abschreiben ist verboten! Wer dagegen verstößt, muss die Folgen tragen, denn: „Strafe muss sein!“

Menschen in Deutschland leben in einem „Rechtsstaat“, in dem die Grundrechte geachtet und geschützt werden. Strafe ist als Ahndung begangener und als Verhinderung weiterer Unrechtstaten eine gerechte Reaktion auf rechtswidriges Verhalten.
Aber hätte meine Klassenlehrerin nicht auch nach dem Grundsatz „Gnade vor Recht“ handeln können, indem sie das von mir begangene Unrecht zwar benannt, aber nicht bestraft hätte? Meiner kleinen Kinderseele hätte das viel Kummer erspart!
Ein altes Sprichwort sagt: „Wo Liebe ist, wird das Unmögliche möglich.“ – In diesem Sinn kommen „Strafe muss sein!“ und: „Gnade vor Recht!“ bei Gott auf wunderbare Weise zusammen.
Davon schreibt der Apostel Paulus in einem Vers seines Römerbriefes, der uns in den vor uns liegenden 7 Tagen als Wochenspruch begleitet möchte: „Gott erweist seine Liebe zu uns darin, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren.“ (Römer 5,8)
Weil Gott absolut gerecht ist, muss er strafen, damit der Gerechtigkeit Genüge getan und das Unrecht angemessen beantwortet wird.
Weil Gott absolut gnädig ist, überträgt er die Strafe von den Unrechtstätern auf den einzig wahren Unschuldigen, auf seinen Sohn Jesus Christus!
Nur weil dieser wunderbare Wechsel auf Golgatha auch für mich geschehen ist, musste ich bei Diktaten nie wieder abschreiben und nur deshalb darf Paulus vom Sündersein in der Vergangenheitsform schreiben! Paul Gerhardt hat diese strafende Begnadigung im Jahr 1647 in bewegende Worte gefasst und wir besingen sie in der Passionszeit:
„Ein Lämmlein geht und trägt die Schuld
der Welt und ihrer Kinder;
es geht und büßet in Geduld
die Sünden aller Sünder. …

Das Lämmlein ist der große Freund
und Heiland meiner Seelen;
den, den hat Gott zum Sündenfeind
und Sühner wollen wählen.“


Pfarrer Michael Beening (Stemwede)