Evangelischer Kirchenkreis Lübbecke

Worte der Besinnung für den 21. Februar 2026

Diakon Michael Biesewinkel

Das Echo am Küchentisch

Vielleicht sitzen Sie am Küchentisch. Die Zeitung liegt bereit und der Kaffee dampft. Im Hintergrund tickt die Uhr, die uns an den nächsten Termin oder den Wocheneinkauf erinnert. Wir leben in einem Takt, in dem man sich fast automatisch ein eigenes Schutzschild baut. Die Ansprüche an uns selbst, die endlosen To-do-Listen und der Wille, alles perfekt im Griff zu haben – das wirkt wie ein Hochdruckreiniger auf unsere Seele. Um da nicht die Kontrolle zu verlieren, machen wir uns fest. Wir bauen eine Schutzschicht aus Routine auf, um bloß nicht aus dem Rhythmus zu geraten.

Diese typisch westfälische Standhaftigkeit, die wir auch hier zwischen Lübbecke, Rahden und Espelkamp so pflegen, platzt ein Satz aus dem Hebräerbrief: „Heute, wenn ihr seine Stimme hört, so verstockt eure Herzen nicht.“ (Hebr 3,15). Der Verfasser blickt dabei zurück auf das Volk Israel, das in der Wüste vor Erschöpfung mutlos wurde und sich innerlich gegen Gott verschloss. Er erinnert uns daran, dass Vertrauen gerade dann bricht, wenn wir uns verhärten, um uns gegen die Unsicherheit des Weges oder die Belastungen des Alltags zu schützen.

Ich weiß: Verstockung ist kein böser Wille. Es ist ein spiritueller Überlebensmodus. Es ist die Hornhaut, die entsteht, wenn wir uns gegen zu viele Reize und Pflichten schützen müssen. Aber das Problem mit einer Hornhaut ist, dass sie kein Feingefühl mehr zulässt. Wer sein Herz verstockt, schützt sich zwar vor Überforderung, sperrt aber gleichzeitig das Leben aus. Die „Stimme“, von der hier die Rede ist, begegnet uns eher dort, wo es tagesaktuell „menschelt“ – beim Warten an der Ampel auf der B239 oder beim kurzen Gruß über den Gartenzaun. Es ist dieser kurze Impuls beim Blick in den Spiegel, der uns eben nicht abstumpfen lässt. Es ist das unbequeme Gefühl im Bauch, das uns mitten im Getriebe sagt: „Halt mal kurz an und schau genau hin.“

Gott spricht im Präsens. Er ist kein Gott des „Morgen, wenn die Arbeit getan ist“. Sein „Heute“ ist die Unterbrechung unseres Funktionierens. Vielleicht ist diese Stimme die kleine Eingebung, dem Nachbarn trotz Zeitdrucks ein Lächeln zu schenken. Oder die Kraft, in einer hitzigen Diskussion nicht das letzte Wort zu wählen. Ein Herz nicht zu verstocken bedeutet, die eigene Resonanzfähigkeit zu bewahren. Es heißt, sich jene Durchlässigkeit zu erlauben, die uns daran erinnert, dass wir mehr sind als die Summe unserer Erledigungen. Wenn Sie also heute einen Moment des Mitgefühls spüren: Wischen Sie ihn nicht weg. Es ist der Himmel, der kurz bei Ihnen am Küchentisch Platz nimmt. Bleiben Sie berührbar.


Diakon Michael Biesewinkel