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Am Samstagabend ist sie eine Weile alleine zuhause - wie schön! Statt den Fernseher einzuschalten, zündet sie eine Kerze an und macht es sich auf dem Sofa gemütlich. Zuerst bewegen sich ihre Gedanken unruhig hin und her wie die flackernde Flamme, dann glätten sich beider Wogen.
„Komisch, dass ich im Winter immer so dünnhäutig bin.“ Nicht, dass sie sonst so ein besonders ‚harter Hund‘ wäre, aber diese besondere Empfindsamkeit in der dunklen Jahreszeit, die fällt ihr selbst auf.
Sie beginnt nach weiteren Worten zu suchen für ihren Zustand: durchlässig, feinfühlig, leise, verletzlich. Und mit den Worten tauchen vor ihrem inneren Auge Bilder der letzten Wochen auf: Wie sie vor den Ferien in der Schule bei jedem Mal Schauen des Films „Bo und der Weihnachtsstern“ Tränen in den Augen hatte, als alle an der Krippe standen. Wie viel es ihr bedeutet hat, als eine jesidische Kollegin ihr ein rot-weiß-geflochtenes Armband schenkte, das für Schutz, Gesundheit und Freundschaft steht und Glück bringen soll. Es begleitet sie seitdem am rechten Handgelenk, bis es sich von alleine lösen wird. Das wunderbare Weihnachtsoratorium in der Andreaskirche, der Schnee am Jahresanfang… immer mehr Dinge fallen ihr ein, die sie - manchmal ganz überraschend - tief berührt haben.
„Woran mag es nur liegen, dass ich mich dieser Tage so fühle?“, fragt sie sich.
Da ist sicher die Erschöpfung am Jahresende. Wenn sie - wie viele andere - am Limit ist oder sogar darüber hinaus. Das macht es ausgesprochen schwer, das innere ‚Visier’ dauerhaft oben zu halten. Dann sind da die Musik, Lieder und Texte der Advents- und Weihnachtszeit. Viele von ihnen erzählen von Sehnsucht und Zärtlichkeit und gehen ihr ‚alle Jahre wieder‘ zu Herzen. Und nicht zu vergessen die freie Zeit um den Jahreswechsel, der Rückblick auf das, was war und die Frage, was das neue Jahr wohl bringen wird.
Ob es ihr gefällt, so zu sein? Eine gute Frage. Denn eins ist klar: Es ist immer wieder ganz schön anstrengend! Dann und wann hat sie sich schon bei dem Wunsch ertappt, mehr dickes Fell und weniger sensible Antennen zu haben. Das würde manches leichter machen!
Aber bei allem „Bist du aber auch empfindlich!“: Will sie es wirklich anders? Das Mitfühlen und Verstehen, die Weichheit, das offene Herz, die machen sie doch aus! Ja, es sind Eigenschaften, die ihre Gefühlswelt immer wieder ordentlich durcheinander wirbeln - aber das bedeutet doch auch, dass sich etwas bewegt in ihr.
In der Haustür dreht sich der Schlüssel, ihre Bande ist zurück. „Es ist schon okay, wie es ist“, sagt sie aufmunternd zu sich selbst und pustet die Kerze aus.
Beim Aufstehen fällt ihr Blick auf den Kalender und den Spruch für die vor ihr liegende Woche: ‚Von seiner Fülle haben wir alle genommen Gnade um Gnade.‘ (Johannes 1,16)
Und sie denkt überrascht: „Vielleicht ist es ja gar nicht nur okay, dass ich genau so bin, wie ich bin. Es könnte auch Gnade sein.“

