Evangelischer Kirchenkreis Lübbecke

Worte der Besinnung für den 16. Mai 2026

Diakon Michael Biesewinkel

Der Anti-Schwerkraft-Effekt: Warum wir uns ziehen lassen sollten

Kennen Sie das beim Wandern? Man quält sich einen Hang hinauf, die Waden brennen und der Blick klebt frustriert an den Schuhspitzen. Doch dann ruft oben am Gipfel jemand, schwenkt die Mütze und teilt die Begeisterung über die Aussicht. Plötzlich wird der Schritt leichter. Es ist, als hätte jemand ein unsichtbares Gummiband an unserem Brustbein befestigt und würde uns mit sanfter Gewalt nach oben ziehen. Man nennt das „Gipfelsog“.

Zwei Tage nach Christi Himmelfahrt ist dieser Sog aktueller denn je. Der Feiertag ist vorbei, die Bollerwagen stehen im Schuppen, und der Alltag klopft wieder an. Doch die eigentliche Energie des Festes entfaltet sich erst jetzt. Der biblische Wochenspruch klingt wie ein physikalisches Gesetz: „Wenn ich erhöht werde von der Erde, so will ich alle zu mir ziehen.“ (Johannes 12,32).

Normalerweise kennen wir nur eine Richtung: die Schwerkraft. Sie hält uns am Boden und sorgt dafür, dass wir uns oft „niedergeschlagen“ fühlen. Himmelfahrt ist die Einführung der „Himmelskraft“ – eines göttlichen Anti-Schwerkraft-Gesetzes. Es verspricht uns: Die Richtung nach unten ist nicht das letzte Wort. Jesus ist kein ferner König auf einem Wolkenthron. Er ist ein spiritueller Fixpunkt, der uns aus festgefahrenen Mustern herauslockt. Er wirkt wie ein Magnet, der nicht den Ballast in uns sucht, sondern unsere Sehnsucht.

Was passiert, wenn wir uns an diesem Samstag ganz bewusst „ziehen“ lassen? Es bedeutet, dass wir nicht alles aus eigener Kraft stemmen müssen. Wir müssen uns nicht wie Baron Münchhausen am eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen. Das nimmt den Druck raus, ständig perfekt funktionieren zu müssen. Wenn wir nach oben schauen, weitet sich der Brustkorb, wir atmen tiefer und sehen mehr als nur den unerledigten Haushalt oder die Sorgen der kommenden Woche.

Dieser „Zug nach oben“ ist eine radikal positive Kraft. Er zieht uns weg von der Selbstoptimierung und hin zu einer heiteren Gelassenheit. Himmelfahrt sagt uns: Du gehörst dazu, du wirst gesehen. Probieren Sie es heute aus: Schultern locker lassen, den Blick zum Horizont und die innere Schwerkraft ausschalten. Lassen Sie sich ziehen. Es ist erstaunlich, wie leicht man sich fühlt, wenn man begreift, dass der Himmel uns nicht auf den Kopf fällt, sondern uns freundlich entgegenkommt. Genießen Sie diesen Auftrieb am Wochenende!


Diakon Michael Biesewinkel