Evangelischer Kirchenkreis Lübbecke

Worte der Besinnung für den 15. August 2026

Miriam Wegener-Kämper, Prädikantin in Nettelstedt

Familientreffen bei Familie Mut.

„Da seid ihr ja - herein!“, ruft Großmut. „Greift zu! Es ist genug für alle da.“ „Wie schön, euch alle zu sehen!“, grüßt Edelmut und fragt jede und jeden: „Wie geht es dir?“ Sanftmut stellt gerade Blumen auf den Tisch. „Hier fehlt noch etwas Farbe“, meint sie lächelnd. Im selben Moment fliegt die Haustür auf. Mit „Kann losgehen“, poltert Hochmut herein. „Ihr habt doch sicher nur auf mich gewartet.“ Übermut prustet los: „Wenn du meinst… Aber ja, lasst uns endlich feiern!“ Und er steigt auf einem Stuhl. „Übermut!“, ruft Sanftmut erschrocken. Worauf dieser nur weiter auf den Tisch klettert. Das Geschirr klirrt. „Vorsicht!“, warnt Großmut und fängt gerade noch die Sahneschüssel auf. Währenddessen steht Wankelmut am Tisch. „Soll ich hier sitzen? Nein, dort… Oder lieber am Fenster? Ach nein ... wo nur?“ Er setzt sich. Steht auf. Setzt sich wieder. „Ich kann mich einfach nicht entscheiden.“ Da verschränkt Missmut die Arme: „Stell dich nicht so an! Überhaupt: Die Teller passen nicht zusammen. Und die Torte: viel zu mächtig.“ Alle schauen ihn an. „Außerdem regnet es.“ „Dafür kann nun wirklich keiner was“, meint Edelmut freundlich. „Das macht es nicht besser“, brummt Missmut. Alle lachen, nur Hochmut nicht. Mit Blick auf den Tisch fragt er: „Wo ist eigentlich mein Ehrenplatz?“ „Dein Ehrenplatz?“, wundert sich Großmut. „Ja, klar“, erwidert Hochmut, „weil ich der Wichtigste bin.“ „Wer sagt das?“, fragt Edelmut. „Ich.“ Einige kichern, was Hochmut gar nicht lustig findet. Da räuspert sich Demut, die bisher nur zugehört hat. „Darf ich euch etwas fragen? Wer hat dafür gesorgt, dass wir es hier so schön haben?“ „Ich!“, sagt Großmut. „Ich auch“, meint Sanftmut. „Ein bisschen ich“, ergänzt Edelmut. „Ich bin für die Unterhaltung zuständig“, grinst Übermut. „Ich habe...“, beginnt Hochmut - und stockt beschämt. „Du bist gekommen“, lächelt Demut, „und auch das ist sehr schön.“ Dann fügt sie leise hinzu: „Weißt du, ich habe einmal einen Satz gehört: 'Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade.’“ Sofort runzelt Hochmut die Stirn. „Heißt das, Gott mag mich nicht?“ „Nein“, beruhigt ihn Edelmut. „Aber du machst dich oft so breit, dass für niemand anders Platz ist. Demut lässt Platz. Und wo Platz ist, kann etwas richtig Schönes für alle entstehen.“

Auf einmal sieht Hochmut das Treiben am Tisch mit anderen Augen: Großmut schenkt Getränke ein. Sanftmut rückt einem Kind den Stuhl zurecht. Edelmut hilft Wankelmut, seinen Platz zu finden und Missmut verteilt Servietten. „Alle tun etwas für die anderen“, stellt Hochmut schließlich fest. Demut nickt. „Und keiner muss dabei der Wichtigste sein.“ Hochmut schweigt einen Moment. Dann ergreift er schüchtern eine Schüssel: „Möchte jemand Sahne?“

Lange sitzen sie zusammen. Immer wieder hört man Sätze wie „Setz dich zu uns.“, „Kann ich dir helfen?“ oder „Wie schön, dass du da bist!“. Und alle sind sich einig: Es ist ein perfektes Fest - mit ganz viel Mut.



Miriam Wegener-Kämper, Prädikantin in Nettelstedt