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Wie gesund ist eigentlich der sogenannte „gesunde Menschenverstand“? Das frage ich mich, seit die letzten Landtagswahlen extremistische Parteien nach oben gespült haben. Denn die Wählerinnen und Wähler in Sachsen-Anhalt und Berlin haben bei ihrer Wahlentscheidung bestimmt auch auf ihren gesunden Menschenverstand gebaut. Na ja, wer sagt wohl von sich selbst, dass er das nicht täte? Ich meine ja, dass schon ein Blick in die Geschichtsbücher reichen würde, um zu erfahren, wohin Parteien mit extremistischen Positionen steuern.
Eigentlich bin ich ein Freund des gesunden Menschenverstandes. Denn er entlarvt Ideologien und kürzt manchen Entscheidungsfindungsprozess durch die einfache Frage ab: Stimmt das denn, was mir hier präsentiert wird? So wie in dem Märchen „Des Kaisers neue Kleider“ von Hans Christian Andersen. Da geht der betrogene Kaiser nackt durch die Straßen, während alle Höflinge und Bürger aus falscher Scham so tun, als würden sie seine prächtigen, unsichtbaren Kleider bewundern. Erst als ein Kind ruft: „Der hat ja gar nichts an!“, fällt der Schwindel auf.
Und doch: Der gesunde Menschenverstand hat seine Grenzen. Darauf haben mich nicht nur die Wahlergebnisse gestoßen, sondern auch ein Taufspruch, den die Eltern für ihr Kind aus der Bibel ausgesucht haben: „Verlass dich auf den HERRN von ganzem Herzen, und verlass dich nicht auf deinen Verstand, sondern gedenke an IHN in allen deinen Wegen, so wird er dich recht führen.“ (Sprüche 3,5.6) Ich würde allerdings sagen: „Verlass dich nicht nur auf deinen Verstand.“ Das heißt: Beim Gebrauch des Verstandes kommt es auf das richtige Vorzeichen an. Ist Misstrauen das Vorzeichen und Neid und Angst, dann ergibt sich daraus für den menschlichen Verstand eine sehr negative Sicht auf die Dinge. Und dafür wird man leider auch immer Belege finden.
Ist aber das Vertrauen auf Gott das Vorzeichen und die drei christlichen Tugenden Glaube, Liebe und Hoffnung, dann ergibt sich für den gesunden Menschenverstand ein freundlicher und optimistischer Blick auf das Leben. Und dafür findet man Gott sei Dank auch immer genügend Belege.
Und nun? Was ist richtig? Mein gesunder Menschenverstand rät mir, dass ich mit Maß und Mitte versuche, die Dinge zu beurteilen. Denn nichts auf dieser Erde ist ganz und gar schlecht und niemand ist durch und durch gut. Deshalb begegne ich dem Leben mit Gottvertrauen, mit neugieriger Freundlichkeit und vorsichtigem Optimismus. Das, so meine Erfahrung, öffnet mir viele Türen, und ist überdies sogar gesund.

