Evangelischer Kirchenkreis Lübbecke

Worte der Besinnung vom 19. Juni 2021

Entdeckungen im Land des Glaubens

Neues dazuzulernen, begeistert mich. Eine besondere Freude ist es, Bücher zu lesen oder – was ich noch lieber tue – Hörbücher zu hören, die mir nicht nur neues Wissen vermitteln, sondern auch noch unterhaltsam geschrieben sind. Seit ein paar Wochen höre ich Hörbücher, die als „Wissenbuch des Jahres“ ausgezeichent worden sind.
So habe ich gerade bei Richard Powers gelernt, dass eine Menge von Bäumen noch längst kein Wald ist („Die Wurzeln des Lebens“). Mit Sky Montgomery habe ich mich aufgemacht zu einem „Rendevous mit einem Oktopus“ und bin verblüfft vom erstaunlichen Seelenleben der Kraken und davon, wie schlau und empfindsam diese Meeresbewohner sind, über die ich bisher so gut wie nichts wusste. Angeleitet von Daniel Kehlmann war ich dabei, als Carl Friedrich Gauß und Alexander von Humboldt die Welt vermessen und mich zu Neuentdeckungen in Südamerika und im Land der Mathematik mitgenommen haben.

Neues dazuzulernen, begeistert mich. Manchmal allerdings macht es mir auch Angst. Wie vergleichsweise einfach ein mehrwöchiger Stromausfall in ganz Europa zu bewerkstelligen sein könnte und welche gesellschaftlichen Folgen es hat, wenn dadurch die Versorgung mit Wasser und Nahrungsmitteln zusammenbricht ist, hat mich erschreckt (M. Elsberg „Blackout“). Es wundert mich, dass man in den letzten Wochen zwar viel über die Auswirkung der SARS-COV2-Pandemie auf den Arbeitsmarkt hören konnte, dass ich aber mit meinen Versuchen völlig gescheitert bin, ähnlich intensive Gespräche auch über das massenhafte Verschwinden durchaus qualifizierter Arbeitsplätze durch den zunehmenden Einsatz künstlicher Intelligenz zu führen. Auch über die mögliche Veränderung und Verbesserung des Menschen durch Mikrotechnologie und Gentechnik (Y. Harari „21 Lektionen für das 21. Jahrhundert“) mochte bisher niemand aus meinem Bekanntenkreis mit mir reden. Dabei denke ich, dass es notwendig ist, dass wir uns sowohl im kleinen Kreis wie gesamtgesellschaftlich mit diesen Fragen beschäftigen. Allerdings empfinde ich zugleich die Verführung, diese Debatte den Fachleuten zu überlassen, weil ich – ehrlich gesagt – von all dem so entsetzlich wenig verstehe.

Aber Neues dazuzulernen, begeistert mich weiterhin. Auch im „Land des Glaubens“ mache ich immer neue Entdeckungen. Manches davon ist – so ist das eben im Land des Glaubens – schon Jahrtausende alt, wird mir aber gerade jetzt hilfreich, rüttelt mich auf, wo ich einzuschlafen drohte, oder tröstet mich, wo mir die Zuversicht abhanden gekommen ist. Wünschen würde ich mir, dass es regelmäßig auch ein „Glaubensbuch des Jahres“ gäbe, das mir in meiner Beziehung zu Gott so weiterhilft, wie die Wissensbücher beim Nachdenken über diese Welt. Mein persönliches Glaubensbuch dieses Jahres könnte wohl „Im Weltabenteuer Gottes leben“ werden, wo Günter Thomas beschreibt, wie Menschen in der Kirche wie in einer Entdeckergemeinschaft miteinander im Land des Glaubens unterwegs sind und immer wieder überraschende Erfahrungen machen – Erfahrungen, die sie neu zu Glaube, Liebe und Hoffnung führen. In so einer Entdeckergemeinschaft bin ich gern unterwegs und bin schon gespannt auf neue Erkenntnisse - über mich selbst, über diese Welt und auch über Gott, gern auch mit Ihnen zusammen.


Bernd Reitmayer, Superintendent  der Selbständigen  Evangelisch-Lutherischen Kirche (SELK), P f a r r b e z i r k R a b b e r / B l a s h e i m