Evangelischer Kirchenkreis Lübbecke

Worte der Besinnung vom 18. Juni 2022

Bernd Reitmayer, Superintendent der Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche an der Petruskirche in Lübbecke-Stockhausen

Nicht vor die Hunde gehen

Seit März wohnt bei uns eine Familie aus der Ukraine. Das Übersetzungsprogramm auf meinem Handy habe ich in dieser Zeit sehr zu schätzen gelernt. Mein Ukrainisch geht nämlich über ein „Dobrideny! Guten Tag!“ und ein „Poschta dlya vas! Post für Sie!“ nicht hinaus. Eigentlich liebe ich es, Menschen in Ihrer eigenen Sprache zu begegnen und ihnen so zu zeigen, dass sie mir wichtig sind. Aber leider fehlt mir fürs Ukrainisch-Lernen gerade einfach die Zeit.
Umso mehr weiß ich zu schätzen, dass ich die biblische Botschaft von der Liebe Gottes in meiner Muttersprache hören und lesen kann. Für ein Fünftel der Menschheit ist das nicht möglich, weil die Bibel noch nicht für sie übersetzt ist. Sie können von Gottes in Jesus Mensch gewordener Liebe nur in Fremdsprachen hören. Das mag besser gehen als mit einem elektronischen Übersetzer, aber da bleibt doch immer ein Gefühl der Fremdheit.

Dass es solch eine Fremdheit auch im eigenen Land geben kann, habe ich bei Ludwig Harms gelernt. Der war um 1840 Pastor im Heidedorf Hermannsburg. In der Kirche wurde Hochdeutsch gesprochen. Das war für die Hermannsburger eine Fremdsprache. Harms begann, Glaubensgeschichten auf Plattdeutsch zu erzählen. Das war wie ein direkter Zugang zu den Herzen seiner Zuhörer. Und dass jeder „in sin Moderspraak“ mit dem himmlischen Vater reden kann, machte nicht nur für die Dorfbewohner einen weltbewegenden Unterschied. Bald kamen sie von weither, um Ludwig Harms zu hören. Und sie trugen, was sie bei ihm von Gottes Liebe gehört hatten, in ihrer „Moderspraak“ in ihre eigenen Häuser und Dörfer und schließlich in die weite Welt. Wenn ich, wie in der vergangenen Woche, wieder einen Konfirmandenkurs beginne, und mit jungen Leuten überlege, was die Botschaft der Bibel mit ihrem Leben zu tun haben könnte, dann lesen wir immer einen Bibelvers, der sich in der Übersetzung von Martin Luther so anhört: „Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.“ Ich habe den Eindruck, diese Worte sind von den jungen Leuten ebenso weit weg, wie Hochdeutsch von Heidebauern. In der Fassung der Volxbibel sagt Jesus: „Gott liebte die Menschen ohne Ende, dass er sogar bereit war, seinen einzigen Sohn für sie wegzugeben, damit sie nicht vor die Hunde gehen. Jeder, der ihm absolut vertraut, hat es geschafft: er bekommt ein neues Leben bei meinem Papa geschenkt, das er nie wieder abgeben muss.“

Nicht vor die Hunde zu gehen – das wünsche ich nicht nur unseren ukrainischen Nachbarn und ihren Landsleuten im Kriegsgebiet. Und zu erleben, dass man „Papa“ zu Gott sagen und ihn um alles bitten darf, was das Leben lebenswert macht, dass wünsche ich auch Ihnen.


Bernd Reitmayer, Superintendent der Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche an der Petruskirche in Lübbecke-Stockhausen