Evangelischer Kirchenkreis Lübbecke

Worte der Besinnung für den 06. Januar 2024

Pfarrerin Christine Scheele

„Wenn man ans Meer kommt, soll man zu schweigen beginnen,“ so heißt es in einem Gedicht von Erich Fried. Nun ist das mit dem Schweigen so eine Sache. Das Geplapper der Gedanken lässt sich nicht einfach abstellen, wie ein Radioprogramm.

Ich war am Meer und meine dunklen Gedankengesellen waren mitgereist und machten mir zu schaffen. So geht es einigen. Da sterben Menschen, die man am liebsten noch bei sich gehabt hätte. Die Traurigkeit fragt nicht nach der Jahreszeit. Da verlassen sich Menschen, die sich einmal viel bedeutet haben, da ist Traurigkeit, ohne dass jemand sie ausgelöst hätte. In einem Ort nahe am Meer fand ich ein keines Geschäft. Es sah aus wie aus einer anderen Welt. Sparsam ausgestattet, aber doch voller Raffinesse und kleiner Holzarbeiten, deren Bedeutung mir nicht erschlossen war. Der Künstler, ein hagerer Herr, klärte mich auf.

"Das ist eine Träne!" erklärte er mir.“ "Ich habe ein Gewinde eingefräst und nun kann manes aufdrehen und etwas hineingeben. Viele Niederländer kaufen es und legen einen Ring oder etwas anderes von dem angehörigen ein. So haben die Menschen, die gegangen sind, einen Ort. „ich fand diese Träne faszinierend und spürte, wie mir leichter ums Herz wurde.

Es erinnerte mich an ein Psalmwort: Im 56. Psalm heißt es: Gott, sammle meine Tränen in deinen Krug.

Auch ich hatte etwas, was ich in die Träne geben wollte, den kleinsten Kranich der Welt, aus Papier gefaltet, den mir ein lieber Mensch einmal geschenkt hatte. Nur der Kranich blieb und mit ihm hatte das Liebevolle, das Schöne und das Vollkommene einen Ort in dieser Träne aus Holz. Mir riet man loszulassen, aber loslassen geht nur in diesem Moment. Mir helfen da solche kleinen Orte der Erinnerung. Die Träne erinnert mich an schwere und schöne Zeiten; die dunkelen Gesellen gehen von selbst.

Gott, sammle meine Tränen in deinen Krug. Da sind sie gut aufgehoben, haben einen Ort wo sie sein dürfen, ohne dass sie alle Sinne benebeln.
Es wird stiller! Und manchmal ganz still.
Bei den letzten Grashalmen soll man den Faden verlieren
und den Salzschaum
Und das scharfe Zischen des Windes
einatmen und ausatmen und wieder einatmen.
Wenn man den den Sand sägen hört
Und das schlurfen der kleinen Steine
In langen Wellen
Soll man aufhören zu sollen
Und nichts mehr wollen nur Meer
Nur Meer
Und die Träne aus Holz.


Pfarrerin Christine Scheele