Evangelischer Kirchenkreis Lübbecke

Worte der Besinnung für den 29. August 2020

Pfarrerin Gisela Kortenbruck aus Rahden

„750 Jahre Varl“ – dieses Jubiläum sollte in diesen Tagen eigentlich groß und festlich begangen werden. Aber wie so viele andere Feiern musste leider auch diese abgesagt werden. Und dabei hatten sich so viele Menschen engagiert: Vereine und Nachbarschaften hatten viele Ideen entwickelt, weil sie ihrem Ort, seiner Geschichte und den Menschen, die dort leben, verbunden sind.

Wenn man mit den Menschen in Varl und Varlheide ins Gespräch kommt, merkt man, dass sie viel zu erzählen haben, und zwar lebendige Geschichte: Geschichten aus gelebtem Leben. Dabei kann man viel erfahren aus vergangener Zeit: ganze Familiengeschichten oder warum die alten Hofnamen oft über viele Generationen in Erinnerung bleiben; Erklärungen für die Bezeichnungen von Landstrichen und Flurstücken ebenso: In all dem liegt Geschichte, das Leben vergangener Generationen. Und oft gibt es auch noch alte Fotos, alte Schriften, die helfen, die Erinnerungen wieder lebendig werden zu lassen.

Fotos und Schriften sind aber nur Momentaufnahmen aus vergangener Zeit; wenn niemand mehr etwas damit anfangen kann, dann verliert so ein Bild, ein Dokument vieles von seiner Bedeutung. Mir geht es zumindest so, dass mir das gelebte Leben wichtiger ist; die Erfahrung, die wir heute aus dem Vergangenen ziehen können und auch die Beziehung, die ich zwischen mir und dem herstellen kann, was damals war. Deshalb höre ich lieber zu, wenn jemand eine „Geschichte aus der Geschichte“ erzählt.

Von mir selbst kenne ich das so: Wenn ich erzähle, dann ist es immer auch ein bisschen meine Geschichte. Denn ich entscheide, was ich dabei betone oder auch was ich lieber weglasse. Trotzdem muss ich natürlich, so gut es geht, bei der Wahrheit bleiben; sonst wird mich jemand anderes beizeiten korrigieren. Bei dem, was ich erzähle, spielt aber immer meine eigene Erfahrung eine Rolle; das Erzählte hat Relevanz für mich, sonst würde ich mir nicht die Mühe machen. Und genauso nehme ich es auch bei anderen wahr.

Die Grundlage des christlichen Glaubens, die Bibel, ist auch erstmal durchs Erzählen entstanden. Die Erfahrungen, die Menschen mit Gott gemacht haben, wurden oft über Generationen hinweg erzählt, bevor sie jemand aufschreiben konnte. Und was wir im Neuen Testament über Jesus lesen, wurde auch erst einige Jahrzehnte nach Tod und Auferstehung Jesu von den vier Evangelisten Markus, Matthäus, Lukas und Johannes aufgeschrieben. Manchmal hat dabei auch einer vom anderen abgeschrieben. Manchmal hat jemand etwas, was ihm besonders wichtig war, hinzugefügt und breiter erzählt als die anderen.
Dabei erzählen die Evangelisten bis heute sozusagen „aus dem vollen Leben“. Sie sind keine Journalisten gewesen, die als Unbetroffene einen Bericht geschrieben hätten; sondern Menschen, die durch Jesu Botschaft selbst tief berührt waren und die damit auch von ihrem eigenen Glauben, von ihren eigenen Erfahrungen mit Gott erzählt haben.
In einem Dorf wie Varl ist es wichtig, die alten Geschichten zu erzählen, damit man verstehen kann, wie dieses oder jenes so geworden ist. Warum etwas so heißt, warum die Leute im Dorf jenes sagen und warum die Menschen hier so sind, wie sie sind. Immer geht es dabei um gelebtes Leben, um persönliche Erfahrung und um die Beziehung, die wir hier und heute dazu haben.

Und genauso ist es mit den alten Texten der Bibel auch. Sie gewinnen dadurch Bedeutung, dass ich mich davon persönlich berühren lasse, so wie es bei den Evangelisten damals auch war. Dann helfen die alten Texte mir zu verstehen, warum unser christlicher Glaube so ist wie er ist; warum die frohe Botschaft Jesu Christi mit meinem Leben heute zu tun hat. Und dann kann ich das, was ich dort lese, mit meinem eigenen Leben, meinen persönlichen Erfahrungen füllen. Und erst dann – wird es richtig spannend!


Pfarrerin Gisela Kortenbruck aus Rahden