Evangelischer Kirchenkreis Lübbecke

Worte der Besinnung für den 16. Januar 2021

Pfarrer Dr. Sebastian Kuhlmann

„Treffen sich ein Bankkaufmann und eine Psychologin in der Pandemie und organisieren eine Impfkampagne…“ So wird irgendwann ein neues Witz-Genre beginnen. Noch ist es allerdings nicht lustig, dass alles nicht wirklich Hand und Fuß hat. Beziehungsweise doch, aber blöd verteilt.

Blinde „sehen“ mit ihren Ohren, gehörlose Katzen „hören“ mit ihren Pfoten, Menschen, die ihre Arme nicht mehr bewegen können, spielen mit den Füßen Klavier. Es ist erstaunlich, wie Körperteile andere Aufgaben übernehmen können, für die sie gar nicht gedacht waren. Jeder Teil unseres Körpers ist für sich genommen bereits faszinierend – wie wir mit den Augen Kontakt zu anderen aufnehmen, die Vielseitigkeit unserer Hände – im Zusammenspiel wird es nicht selten spektakulär, wie bei Hirnchirurginnen oder Goldschmieden. „Ein Leib – viele Glieder“, so wird in der Bibel die Gemeinde beschrieben. Alle sind mit ganz unterschiedlichen Gaben gesegnet, und wenn sie die dazu passenden Aufgaben versehen, dann geschieht nicht weniger als „was Gottes Wille ist, nämlich das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene“, so steht es im Brief des Apostels Paulus an die Römer.

Was aber passiert, wenn ohne Grund und ohne Training der Fuß die Aufgabe der Hand übernimmt und umgekehrt? Nun ja: „Treffen sich ein Bankkaufmann und…“, dann ist plötzlich für die gesamte EU eine Psychologin aus Zypern für die gesamte Impfstoffbeschaffung zuständig, und so läuft das dann auch. Genau so prima wie bei der Immobilienfachfrau, die in NRW als Ministerin für die Bildung zuständig ist, und es selbst auf ihrem eigentlichen Spezialgebiet nicht hinbekommt, dass sich in den Schulimmobilien alle Fenster öffnen lassen wie vorgeschrieben. Oder es sieht aus wie in den Familien, die gerade im Homeoffice merken, wie viel die Bildungs- und Betreuungsgarantie des Landes NRW wert ist bzw. dass sie es selber sind, die das garantieren sollen. Die Politik fesselt die spezialisierten Hände und lobt, um vom eigenen Totalversagen abzulenken, dann die Füße, die wie ich gerade auch unter Über- Doppel- und Dauerlast jeden Tag weniger hinbekommen.

„Hand und Fuß“, so ehrlich muss man bleiben, ist aber auch in der Kirche eine Dauerbaustelle. Auf allen Ebenen. Wo bei den Gemeindegliedern wird vielleicht eine Gabe übersehen, die nicht zum Zug kommen kann und was braucht es, damit das nicht so bleibt? Wo wird in den Leitungsgremien der Landeskirche nicht gedient, sondern geherrscht? Und nicht zu vergessen das Verhältnis der verschiedenen Kirchen untereinander, evangelisch / katholisch und darüber hinaus – das könnte doch ein Modell sein: In dem Bewusstsein, dass wir alle zu dem einen Leib gehören, darf jede einzelne Kirche eine besondere Gabe haben und ausleben, ohne dass die anderen das schlecht kopieren oder in Kompromisse überführen wollen. Christentum mit Hand und Fuß eben.


Pfarrer Sebastian Kuhlmann ist z.Zt. am Berufskolleg Lübbecke tätig. Der Autor (Bildmitte) hat diesen Beitrag unter dem Schutzschirm der Bildungs- und Betreuungsgarantie des Landes NRW im Homeoffice verfasst, nachdem er vorher seinen 259 Schülerinnen und Schülern Rückmeldungen zu den von ihnen erledigten Aufgaben im Distancelearning gegeben hat.