Evangelischer Kirchenkreis Lübbecke

Worte der Besinnung für den 05. Mai 2024

Pfarrer Klaus-Hermann Heucher

Bekommst Du schon!

Keine Frage: Was in den Gottesdiensten zu diesem 5. Sonntag im Osterfestkreis gefeiert wird, das ist inzwischen für Viele zu einem geradezu „intimen“ Thema geworden: Es geht allerdings nicht um Bettgeschichten, sondern um das Beten. „Rogate!“ – „Betet!“, so heißt dieser Sonntag. Doch was vielfach noch in der Generation unserer Großeltern selbstverständlich war, hat sich inzwischen aus unserem gesellschaftlichen Leben weitgehend ausgeschlichen: Das Tischgebet am Beginn eines (Fest-) Essens, das Gute-Nacht-Gebet mit den Kindern oder das gemeinsame Vaterunser bei öffentlichen Anlässen auch außerhalb kirchlicher Räume. Darum verwundert es auch nicht, wenn der eigene Gebets-Wunsch oder auch das (eher zufällig auftretende) Gespräch über das Beten vielfach als irgendwie peinlich und zu persönlich empfunden wird. Denn Beten bedeutet ja immer, dass man etwas persönliches vor Gott bringt und damit zugibt, bedürftig und auf Hilfe angewiesen zu sein. Das klingt dann alles andere als souverän, rational nachvollziehbar und erwachsen.

Diese Haltung ist schade, findet Jesus, weil sie uns um viel gute Lebensqualität bringt. Denn wenn wir etwa alten Menschen zuhören, die von sich sagen ein „erfülltes Leben“ geführt zu haben, dann kommen (fast) immer zwei Dinge zusammen: Die Erfahrung von Glück und die Erfüllung von Lebensträumen. Beides ist nie allein das Ergebnis souveräner Planung und eigener Arbeit. Aber für Glückserfahrungen können wir uns öffnen, und für die Erfüllung von Lebensträumen müssen wir uns trauen ganz groß von unserem Leben denken und träumen zu können. Beides beginnt in unserem Inneren! Und dorthin schickt uns auch Jesus, wenn er sagt: „Wenn ihr den Vater um etwas bitten werdet in meinem Namen, wird er´s euch geben“ (Johannes 16, Vers 23).

Das ist schlau. Denn wenn mich der Schöpfer des Lebens schon bislang mit Lebenszeit, Talenten & Möglichkeiten gesegnet hat, warum sollte ich dann von Gott nicht noch mehr erwarten dürfen? Denn wer betet, der öffnet sich für Möglichkeiten, die über das eigene Wissen und Denken und über die persönlichen Kräfte hinaus gehen. Und Beten ist zugleich ein Akt der Freiheit, der eigenen Horizonterweiterung und eine Erinnerung an die Geborgenheit, die in Gottes Segen liegt. In einer Strophe hat dies Eugen Eckert 1981 so zusammengefasst: „Meine engen Grenzen, meine kurze Sicht bringe ich vor dich. Wandle sie in Weite, Herr erbarme dich“. Diesen Mut zum Gebet wünscht Ihnen herzlichst, Klaus-Hermann Heucher, Pfarrer.


Pfarrer Klaus-Hermann Heucher