Evangelischer Kirchenkreis Lübbecke

Worte der Besinnung für den 01. Mai 2021

Heinz-Hermann Grube, Kreiskantor für den Kirchenkreis Lübbecke

Stumm geschaltet
Der nächste Sonntag trägt den Namen „Singet“. Aber gemeinsam in einem Gottesdienst singen und jubeln dürfen wir nicht. Stummgeschaltet.
Da wir uns auch mit unseren Chören nicht treffen können, versuchen wir es mit online-Proben. Aus technischen Gründen funktioniert dieses nur so, dass ich als Chorleiter alleine zu hören bin. Alle anderen schalten ihr Mikrofon aus. Stummgeschaltet.

Diese Stummschaltung bewirke ich mit einem Klick. Ich gebe zu: das hat ein klein wenig von Macht. Niemand kann sich gegen die Stummschaltung wehren.
Hat dieses noch etwas Spielerisches an sich, so gibt es Situationen, die „nicht mehr lustig“ sind. Und ich meine damit nicht nur, wenn Menschen andere Menschen mundtot machen oder wenn es einem die Sprache verschlägt angesichts eines Unheils.

Nein, ich erfahre es an mir selbst. Wenn jemand den „richtigen Knopf“ bedient, dann kann ich nichts mehr sagen. Das kann ein falsches Wort sein oder ein böser Blick, immer eine Verletzung. Dann macht es auch „klick“ und ich bin: stummgeschaltet.

Auch Gott kann stummgeschaltet werden. Die Bibel erzählt von Zeiten, in denen Gott schweigt. Aber das hängt auch damit zusammen, dass die Menschen Gott nicht hören wollten. Indem die Menschen Gott nicht hören wollen, schalten sie ihn stumm. Sie sind – ganz wörtlich – nicht „gehorsam“. Und wenn ich nicht auf einen anderen hören will, verliere ich meine Beziehung zu ihm.
Wie sieht ein Leben mit und ohne Gottesbezug aus? Dieser Frage haben wir uns im Moment zu stellen. Als Kirche und als Gesellschaft. Und es geht dabei um auch um ganz große Fragen, nämlich ob wir selbst über Leben verfügen dürfen oder nicht.

In vielen Bereichen lehrt uns die derzeitige Krise ein Nachdenken über unser Miteinander und auch über unser Verhältnis zu Gott. Die Krise schärft den Blick.
Übrigens lerne ich, was das gemeinsame Singen angeht, viel von der Gemeinde der Gehörlosen. Man könnte ja meinen, Gehörlose seien auf Dauer „stummgeschaltet“. In Wirklichkeit aber zeigt die Gehörlosengemeinde, was es wirklich heißt, Gott zu loben und zu ihm hin die Stimme zu erheben: das Lob sucht sich seine eigene Sprache. Es kommt gar nicht darauf an, ob ich schön oder richtig oder überhaupt singen kann. Es kommt darauf an, ob ich weiß, dass ich zu Gott „gehöre“. Dann ist alle Stummschaltung aufgehoben.


Heinz-Hermann Grube, Kreiskantor für den Kirchenkreis Lübbecke