Evangelischer Kirchenkreis Lübbecke

Worte der Besinnung für den 22. Januar 2022

Pfarrer Eberhard Helling

Un-ver-schämt!

Vielleicht ist es die gute Kinderstube, vielleicht ist es schlicht die Sorge vor allzu viel Ärger – aber ich traue mich meist nicht, richtig unverschämt zu werden. Dabei beneide ich heimlich die Leute, die sich unverschämt verhalten: die, die in der Schlange vor der Kinokasse sich geschickt nach vorne bringen und noch die letzten Karten ergattern; oder die Leute, die mich kurz hinter dem Ortseingangsschild überholen und noch bei Grün durchflutschen – oder die Leute, die ihre Meinung völlig ungebremst in die Welt hinausposaunen – ohne Rücksicht auf das, was gerade als Stellungnahme von den meisten erwartet wird. Irgendwie auch bewundernswert solche Unbekümmertheit – oder?! Unverschämtes Verhalten irritiert.
Dabei gibt es in der Bibel immer wieder ein unverschämtes Verhalten, das ausdrücklich gut gefunden wird. Bei einem römischen Hauptmann zum Beispiel.
Der Offizier hat als Mann der Besatzungsmacht in Israel eigentlich keine Sympathien zu erwarten. Da ist es naheliegend, dass man als Römer keine allzu freundschaftlichen Beziehungen zu den Leuten knüpft, die einen als Unterdrücker wahrnehmen. Man bleibt lieber auf Distanz – wer den Leuten des Landes zu nahekommt, der kann schnell den Kopf verlieren – im wahrsten Sinn des Wortes. Wer es trotzdem tut, kann sich ganz schnell die Finger verbrennen - auch bei den eigenen Leuten: „Was gibt der sich mit dem Pack ab!“ So reiben es ihm seine römischen Kollegen unter die Nase. „Un-ver-schämt! Diese Distanzlosigkeit – hat der keinen Anstand im Leibe?!“ So dürfe es solch einem Besatzungsoffizier von allen Seiten entgegengeschleudert werden.
Aber da gibt es diesen Hauptmann in Kapernaum. Er hat ein krankes Kind bei sich zuhause. Er wird schon einiges versucht haben – aber bislang konnte niemand helfen. Doch da gibt es diesen Wunderrabbi aus der Nachbarschaft. Jesus heißt der. Er hat schon das eine oder andere Mal von ihm gehört. Da läuft er über die Straße. Der Offizier tritt Jesus in den Weg und klagt ihm seine Not: „Mein Kind ist krank. Es leidet sehr!“ Jesus sagt nur: „Ich komme und will es gesund machen.“ „Nein!“ sagt der Offizier sofort, „das brauchst du doch gar nicht – du brauchst nicht in mein Haus zu kommen (– das ist für uns beide doch nicht gut). Du brauchst nur ein Wort zu sagen – und dann wird mein Kind gesund.“
Jesus ist von diesem römischen Hauptmann verdaddert: Was ist eigentlich unverschämter: dass er sich überhaupt an ihn gewandt hat oder dass er ihm solche Fähigkeiten zutraut?! Egal – dieser Römer soll erfahren, dass er sich an die richtige Adresse gewandt hat. Jesus nimmt die Unverfrorenheit des römischen Offiziers als das, was sie ist: die Unverschämtheit eines Glaubens, der über seine Grenzen sehr genau Bescheid weiß. Der Offizier kennt seine Grenzen. Deswegen braucht Jesus nach Ansicht des Römers gar nicht in das Haus zu kommen, wo der kranke Junge liegt. Das wäre zu viel der Nähe, zu viel der Zumutung. Aber Jesus bei dem zu packen, wofür er gekommen ist, nämlich Gutes, Heil zu schaffen – das ist niemals unstatthaft.
Für mich sagt diese Geschichte bis heute: Die falsche Unverschämtheit kennt kein Maß und achtet nicht auf die Folgen. Die rechte Unverschämtheit weiß um ihre Grenzen und glaubt ganz unverschämt dem, der wirklich helfen kann und will.


Pfarrer Eberhard Helling