Evangelischer Kirchenkreis Lübbecke

Wir sind "Freihälse". Zum Reformationstag

Präses Dr. Anette Kurschuss

Gott hat uns zu Freihälsen gemacht
Geistliche Betrachtung zum Reformationstag von Präses Annette Kurschus



ANNETTE KURSCHUS,PRÄSES DER EVANGELISCHEN KIRCHE VON WESTFALEN

Liebe Leserin, lieber Leser!
»Zur Freiheit hat uns Christus befreit! So steht nun fest und lasst euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen!« Wie ein Fanfarenstoß trifft dieser Ruf in unser alltägliches Leben, in dem so vieles festgelegt und festgefahren scheint. »Du bist zur Freiheit berufen!«: So klingt es uns entgegen. Nicht nur am 31. Oktober, alle Jahre wieder.
Was ist Freiheit für Sie? Vor nichts und niemandem Angst haben müssen? Sich was trauen – ohne Furcht? Keine Grenzen kennen; alles ist erlaubt: Wär’s das? Oder versuchen Sie sich täglich freizustrampeln, indem Sie tapfer allen Erwartungen gerecht werden, von morgens bis abends?
Unter dem Begriff »Freiheit« findet sich im »Deutschen Wörterbuch« der Brüder Jacob und Wilhelm Grimm ein interessanter Hinweis: »...der älteste und schönste Ausdruck für diesen begriff war der sinnliche Freihals, (...) ein hals, der kein Joch auf sich trägt«. Freihälse, das haben Sprachforscher herausgefunden, waren Menschen, die im buchstäblichen Sinne freie Hälse hatten. Leute, deren Hals nicht in einem Sklavenring steckte, auf deren Schultern keine fremde Last lag. Niemand durfte einen Freihals vor den eigenen Karren spannen – egal wie mächtig und imponierend und einflussreich er war. Kein König, kein Richter, kein Politiker.
Als Freihälse will Gott uns haben. Zu Freihälsen hat Gott uns bestimmt.
Mehr noch: Zu Freihälsen hat Gott uns längst gemacht.
Zu Freihälsen wohlgemerkt. Nicht zu Schreihälsen!
Kein fremder und kein eigener Anspruch darf uns knechten oder verbiegen.
Freihälse können ihren Blick ungehindert heben. Sie können aufrecht in den Himmel sehen – und gerade einander ins Gesicht. Weil Gott sie aus der elenden Sorge um sich selbst herausgeliebt hat – hinein in den Überfluss seiner Güte. Freihälse Gottes sind in die Lage versetzt, mehr und anderes zu sehen als lediglich den eigenen Bauchnabel; ihre Sicht reicht weiter als bis zum eigenen Tellerrand. Sie machen den Mund auf, wo die Würde und die Freiheit anderer verletzt und in den Dreck gezogen werden. Sie packen an, wo ihre Herzen und Hände gefragt sind. Manchmal will mir scheinen, die Welt braucht mutige Freihälse heute so nötig wie selten zuvor. Sind Sie dabei?

Einen gesegneten Reformationstag 2019 wünscht Ihnen
Annette Kurschus,Präses der EvangelischenKirche von Westfalen WB 31.10


„Das Haus des Glaubens ist kein Bunker“

Präses Annette Kurschus predigte zum Reformationstag in Wittenberg
Westfalen/Wittenberg. Zum Reformationstag hat Präses Dr. h. c. Annette
Kurschus die von Gott geschenkte Freiheit mit ihren Möglichkeiten und
Gefahren beschrieben. Diese Freiheit führe Menschen über sich hinaus und
aufeinander zu. Sie könne jedoch auch missbraucht werden: „Freiheit, die
Gott mir schenkt, wird zu einer hässlichen Fratze, wenn sie anderen
schadet“, sagte die leitende Theologin der Evangelischen Kirche von
Westfalen am Donnerstag (31.10.) in Wittenberg.
Grundlage der Predigt war der Aufruf des Apostels Paulus: „Zur Freiheit
hat uns Christus befreit! So steht nun fest und lasst euch nicht wieder
das Joch der Knechtschaft auflegen!“ (Galater 5,1). Die Präses machte
die Aktualität dieser Worte deutlich: „Erschreckend bereitwillig geben
Menschen ihre Freiheit auf – nur damit ihnen jemand die Angst abnimmt
und das Denken.“ Angesichts ihrer Geschichte bräuchten die Deutschen
diesen Hinweis besonders dringend: „Unsere Väter und Mütter haben
erlebt, wie leicht man berauscht, ja geradezu besoffen werden kann an
der Unfreiheit.“ Dagegen gebe die von Gott geschenkte Freiheit Mut zum
unerschrockenen Wort und rufe in die Verantwortung für die Mitmenschen.
Denn ein Glaube, der mit sich selbst allein bleiben möchte, wäre ein
düsteres Ungetüm. „Das Haus des Glaubens ist kein Bunker. Und die
feste Burg, die unser Gott ist, verbietet es, ihn bei uns einzumauern;
lässt nicht zu, dass wir unsere Köpfe und Herzen durch Zugbrücken und
Schießscharten vor allem Anderen und Fremden schützen.“
Am 31. Oktober 1517 hat Martin Luther in Wittenberg Thesen gegen den
Ablasshandel veröffentlicht und damit eine Bewegung ausgelöst, aus der
die evangelische Kirche hervorging. Präses Kurschus predigte in der
Wittenberger Schlosskirche, an deren Tür Luther seine 95 Thesen
angeschlagen haben soll.