Evangelischer Kirchenkreis Lübbecke

Umkehr ist Herimkehr

Kurschuss


»Ach«, sagte die Maus, »die Welt wird enger mit jedem Tag. Zuerst war sie so breit, daß ich Angst hatte, ich lief weiter und war glücklich, daß ich endlich rechts und links in der Ferne Mauern sah, aber diese langen Mauern eilen so schnell aufeinander zu, daß ich schon im letzten Zimmer bin, und dort im Winkel steht die Falle, in die ich laufe.« – »Du mußt nur die Laufrichtung ändern«, sagte die Katze und fraß sie. KAFKA, KLEINE FABEL


Liebe Leserin, lieber Leser!

»Du musst nur die Laufrichtung ändern, sagte die Katze zur Maus – und fraß sie.« Mit diesen Worten endet Franz Kafkas berühmte »Kleine Fabel«.
In wenigen Sätzen schildert sie eine Situation, die zeigt: Wie du dich auch drehst und wendest, es ist ausweglos. Manche Menschen haben den Eindruck, unsere Welt bewege sich derzeit dramatisch auf eine solche Situation zu.
Heute ist Buß- und Bettag. Er lädt zum Innehalten ein. Mit der klaren Botschaft: Nichts ist ausweglos. Weil Gott Gutes mit der Welt vorhat. Weil Gott jedem und jeder von uns jederzeit die Möglichkeit gibt, es anders zu machen und es neu zu versuchen.
Eine rabbinische Legende erzählt: »Gott malte die Schöpfung auf, und er sah, dass sie keinen Bestand haben würde. Da schuf er die Umkehr.« Umkehr ist gemeint, wo die Bibel von Buße spricht. Nicht in Sack und Asche sollst du gehen. Vielmehr kannst du etwas tun, aktiv werden, dich bewegen.
Also: »Nur die Laufrichtung ändern«? Falsch ist das nicht. Aber in dieser Verkürzung doch gefährlich, wie Kafkas zynische Fabel zeigt. Die entgegengesetzte Laufrichtung allein macht noch keinen guten Weg. Bloßer Richtungswechsel garantiert kein lohnenswertes Ziel.
Das kleine Wort »Umkehr« in der rabbinischen Legende hat noch eine zweite Bedeutung: »Heimkehren.« Plötzlich erhält die Umkehr eine klare Richtung. Hin zu Gott, der mir mein Leben und Wesen gab. Auch der Mensch neben mir kommt aus Gottes Hand – und alle anderen Geschöpfe um mich herum.
Umkehr zu Gott lässt mich die Welt, meine Mitmenschen und mich selbst neu sehen. Ich entdecke: Meine Würde und mein Ansehen kann mir niemand nehmen; um mich selbst muss ich mir keine Sorgen machen. Umso freier bin ich für andere Menschen und für die Welt. Ich kann und soll etwas tun. Womöglich muss ich es anders tun als bisher. Neues wagen. Ich darf beten – auch und gerade dann, wenn mir die Worte fehlen oder der Zweifel nagt. Ob ich über die Folgen des Klimawandels erschrecke oder über die rechtsradikalen Töne in unserem Land; ob mich der Hass gegen Fremde beunruhigt oder das Zerbröseln unserer Demokratie: Nichts ist ausweglos. Weil wir alle jederzeit umkehren und im Licht der Güte Gottes hoffnungsvolle andere Wege einschlagen können. Weil wir beten dürfen. Und: weil Gott Gutes vorhat mit uns.
Einen gesegneten Buß- und Bettag wünscht Ihnen
Ihre
Annette Kurschus
Ev. Kirche von Westfalen
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