Evangelischer Kirchenkreis Lübbecke

Suche Frieden und jage ihm nach!

Anette Kurschus, Präses

 

Suche Frieden und jage ihm nach! (Psalm 34,15)

unwillkürlich horche ich auf. Frieden schaffen, Frieden stiften, Frieden machen, Frieden halten – das alles klingt vertraut. Aber: Frieden suchen, dem Frieden nachjagen? Hat er sich denn versteckt, der Friede? Ist er auf der Flucht?

Hochinteressant für mich ist eine weitere Entdeckung: „Jage ihm nach“, da findet sich dasselbe Verb wie in dem schönen und vertrauten Satz des 23. Psalms: „Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang“ (Psalm 23,6).

So, wie Gottes Güte und Barmherzigkeit mir lebenslang nachjagen, so beharrlich soll ich hinter dem Frieden her sein. Und umgekehrt: So gewiss, wie ich mich auf die Güte und Barmherzigkeit Gottes verlassen kann, so gewiss soll der Friede sich auf mich verlassen können.

Das ist eine ungewohnte Vorstellung und ein reizvolles Bild; ein geradezu kühner Perspektivwechsel: Der Friede – unerschütterlich von mir verfolgt; der Friede – nicht eine Minute ohne mich; der Friede – er hat mich buchstäblich im Nacken, er wird mich nicht los.

Wie kann das aussehen in diesem Jahr 2019: Dass der Friede uns im Nacken hat, dass der Friede uns nicht los wird?

Kürzlich las ich von einem aufschlussreichen Experiment. Da gab man Kindern ein weißes Blatt Papier mit der Aufgabe, sie sollten auf der einen Hälfte den Krieg und auf der anderen Hälfte den Frieden malen. Das Ergebnis zeigte: Die Kriegsseite war bei allen Kindern voll. Zum Krieg fiel ihnen sichtbar eine Menge ein; Bilder voller Aktion zu Wasser, auf dem Lande und in der Luft. Die Friedensseite dagegen blieb bei vielen ganz leer. Manche Kinder hatten lustvoll auch dorthin wieder die Kriegsbilder gemalt – und dann durchgestrichen. Andere beschränkten sich auf ein Symbol, eine Taube etwa oder eine Blume. Und wo vereinzelt doch die Friedensseite breit ausgemalt war, da sah man ein kleines Häuschen mit Schornstein und Garten, grünes Gras mit bunten Blumen, ein Eichhörnchen dazu – kurzum: Eine romantisches Standardbild romantischer Idylle.

Erschütternd eigentlich: Die Aufgabe, Frieden ins Bild zu setzen, erzeugte ein leeres Blatt, erschöpfte sich in der Negation des Krieges oder in betulichen Klischees. Vermutlich gibt es diese Verlegenheit nicht nur bei Kindern. Denken wir nur an die Geschichte der Kunst: Da sind zum Beispiel die Höllenbilder voller Schrecken und Gewalt in der Regel sehr viel ausdrucksstärker als die Darstellungen des himmlischen Friedens.

Wenn uns der Friede nicht loswerden soll, wenn wir ihm im Nacken sitzen wollen – dann brauchen wir zuallererst lebendige Vorstellungen und verlockende Bilder von ihm.

Frieden - Schalom: Als Grundbedeutung der hebräischen Wortwurzel wird „genug haben“ vermutet. Frieden hieße dann: Menschen – und zwar ausnahmslos alle Menschen! –  haben genug, allen geschieht Genüge, alle erfahren Genugtuung und können vergnügt sein.
Dazu kann ich mir tatsächlich jede Menge Bilder vorstellen.
Bilder, deren Kontext ganz und gar nicht harmlos und rosarot ist. Um die man sich doppelt mühen muss: Sie suchen und ihnen nachjagen. Unermüdlich.

Kann es überhaupt Schalom geben zwischen Menschen, die mehr als genug haben, und anderen, denen es am Nötigsten fehlt? Frieden ist eng mit Gerechtigkeit verwandt. Und diese Verwandtschaft ist hoch fragil!
Wie oft wird Ungerechtigkeit „um des lieben Friedens willen“ hingenommen. Und wie schnell kann der Einsatz für Gerechtigkeit zu Unfrieden und Gewalt führen. Frieden ohne Gerechtigkeit kann Unrecht zementieren, und Gerechtigkeit ohne Frieden kann über Leichen gehen.
Alle haben genug, allen geschieht Genüge, alle erfahren Genugtuung und können vergnügt sein: Haben wir tatsächlich Bilder dazu? Oder bleibt da, wie bei den Kindern, ein leeres Blatt?

Ein völlig anderes Bild des Schalom ist der alte Abraham. Ihm wird verheißen, er werde „in Frieden“ zu seinen Vorfahren eingehen (Genesis 15,15). Das meint wohl kaum, er werde nicht im Krieg fallen. Ebenso wenig stellt es in Aussicht, er werde einmal friedlich einschlafen. Es meint vielmehr, er werde vom Leben gesättigt sterben – nicht , weil er das Leben satt habe oder vom Leben genug, sondern weil er im besten Sinne des Wortes genug gelebt habe. Wie viele Menschen, die Sie als Pfarrerinnen und Pfarrer auf ihren sehr persönlichen Sterbe- und Trauerwegen begleiten, mögen sich nach einem solch friedvollen „Genug“ an Leben sehnen? Es hat mit der Zahl der Lebensjahre wenig zu tun. Und wenn wir es in der Begleitung spüren, solch friedvolles „Genug“, welch ein Segen geht davon aus! Ob sich Bilder an erlebte Situationen bei Ihnen einstellen? Ob uns dieses Jahr neue Bilder schenken wird?

Unsere Predigten lassen wir in der Regel in ein Schriftzitat münden: „Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus“ (Philipper 4,7).
Jürgen Ebach weist darauf hin, dass hyperechein neben „höher sein, überragen, übersteigen“ eine weitere Bedeutung haben kann: „Die Hand über etwas halten“. Welch ein schönes Bild ist das für den Kanzelsegen unserer Predigten im Jahre 2019: „Der Friede Gottes, der die Hand über alle Vernunft hält, bewahre eure Herzen und Sinne im Messias Jesus!“

Nehmen Sie dieses Bild mit in das noch neue Jahr.
Nehmen Sie´s mit auf die Kanzeln, in Schulklassen und in Krankenzimmer, in Verhandlungen und Gespräche.  Nehmen Sie´s mit überall da hin, wo Sie zu reden und zu handeln, zu fragen und zu antworten, zu helfen oder einfach nur dazusein haben.

Der Friede Gottes hält seine Hand über all unsere Vernunft.
Lassen Sie nicht nach, den Frieden zu suchen und ihm nachzujagen. Da, wo Sie in Ihrem Dienst verantwortlich und gefordert sind. Bleiben Sie ihm im Nacken, dem Frieden – und leben Sie so, dass der Friede sich auf Sie verlassen kann.

Denn: Der, der unser Friede ist und seine Hand über uns hält, jagt Ihnen mit seiner Güte und Barmherzigkeit schon längst und schon immer und unermüdlich nach. Nicht nur im Jahr 2019, sondern ein Leben lang. „Und ich werde bleiben im Hause des HERRN immerdar“ (Psalm 23,6).
Gibt es einen gewisseren Grund, um dem Frieden auf der Spur zu sein?