Evangelischer Kirchenkreis Lübbecke

Rahden erinnert sich - Jüdische Synagoge wurde vor 160 Jahren eingeweiht

Pfarrer i.R. Dr. Werner Kreft, Rahdens stellvertretender Bürgermeister Wilhelm Kopmann und Harald Scheurenberg von der jüdischen Gemeinde Minden sprachen bei der Gedenkfeier am neu gestalteten Denkmal mahnende Worte.


Rahden erinnert sich – Gedenkwoche zur Einweihung der Synag

oge vor 160 Jahren mit zahlreichen Veranstaltungen


Text und Fotos: Anja Schubert

Rahden „Wir erinnern uns“ – unter diesem Motto gedachte die Rahdener Bevölkerung kürzlich der Einweihung der Rahdener Synagoge vor 160 Jahren. Zu der am Einweihungstag, dem 10. September, stattfindenden Gedenkfeier auf dem Rathausvorplatz, auf dem ein Gedenkstein noch heute an den einstigen Standort des jüdischen Gotteshauses erinnert, kamen mehr als 100 Menschen aller Generationen zusammen, um sich der jüdischen Gemeinde zu erinnern, die einst in Rahden fest verwurzelt war.
„Orte des Gedenkens sind wichtig“, betonte Wilhelm Kopmann, einen Einblick in die wechselvolle Geschichte der jüdischen Rahdener Gemeinde gebend. „Denn Gedenken bedeutet, die Vergangenheit für sich und andere greifbar zu machen und gegen das Vergessen zu kämpfen“. Dieses werde umso wichtiger, da die Zahl an Zeitzeugen stetig sinke.
Ganze 40 Jahre habe es gedauert, bis die Errichtung eines Gedenksteins am Rande des Rathaus-Parkplatzes angeregt wurde, fand der stellvertretende Bürgermeister kritische Worte über den Umgang der Vergangenheit.



„Jeder Mensch ist ein Geschöpf Gottes von unerschöpflichem Wert, gleich welcher Rasse oder welchen Glaubens, das es zu schützen gilt“, konstatierte Pfarrer i.R. Dr. Werner Kreft. „Es muss für jedermann eine Grundpflicht sein, die Unversehrtheit des Mitmenschen zu wahren. Dazu gilt es jeden Ansatz von Gewalt oder Diskriminierung im Keim zu ersticken.“ Wünschenswert wäre es gewesen, wenn am Sonntag nach der Einäscherung der Synagoge von der Kanzel der St. Johanniskirche die Brandschatzung und Ausschreitungen angesprochen worden wären, denn schließlich weilte auch bei der Einweihung vor 160 Jahren ein evangelischer Pfarrer unter den Gästen.
Von der jüdischen Gemeinde Minden sprach Harald Scheurenberg mahnende Worte und gedachte mit einem Gebet am Stein der Opfer des Holocaust. „Wer die Opfer vergisst, tötet sie noch einmal. Nur wenn wir die Erinnerung am Leben erhalten und offen darüber sprechen, können wir einen neuen Holocaust verhindern.“



In vielen Orten des damaligen Deutschen Reiches wurden die jüdischen Gotteshäuser am 9. November 1938 niedergebrannt. In Rahden zündeten Nazis die Synagoge am Abend des 10. November an. Am einstigen Standort der Synagoge, dort wo sich heute der Parkplatz des Rathauses befindet, steht seit vielen Jahren ein kleiner, eher unscheinbarer Gedenkstein. Dieser wurde auf Anregung von Ortsheimatpfleger Claus-Dieter Brüning zum Jahrestag gereinigt, dazu der Vorplatz neu gestaltet und bepflanzt. Vier Ecksteine markieren zudem auf dem Platz den früheren Standort der Synagoge.


Der Arbeitskreis „Rahdener Synagoge“ mit Uwe Trentelmann und Michael Duffe für die Stadtverwaltung, Gudrun Straßburg, Bianca Winkelmann, Claus-Dieter Brüning, Dorothee Brandt, Monika von Platen-Nimbs, Monika Pretzel und Monika Staubach für die Politik und Monika Büntemeyer für den Rahdener Kulturverein „Kul-Tür“ hatten anlässlich der Gedenkwoche einen tiefen und vielfältigen Einblick in das Judentum und die Lebensbedingungen zu Zeiten des Nationalsozialismus bot.


Der Arbeitskreis „Rahdener Synagoge“ , der sich anlässlich des Jahrestages bildete, hatte für die Gedenkwoche über Monate hinweg ein Programm erarbeitet, das mit Marlies Kalbhenns Lesung „Prinzessin Sabbat – Jüdische Festtage im Jahreskreis“ auf Einladung von des Kulturvereins „Kul-Tür“, musikalisch begleitet von Jan Frerichs, einem Stadtrundgang auf die Spuren jüdischer Mitbürger mit dem Ortsheimatpfleger Brüning, dem Film „Jakob der Lügner“ im Dersa Kino und einer Exkursion nach Petershagen zur baugleichen Synagoge der Weserstadt einen tiefen und vielfältigen Einblick in das Judentum und die Lebensbedingungen zu Zeiten des Nationalsozialismus bot.
Auch nach der Veranstaltungswoche wird der Arbeitskreis weiter bestehen bleiben, strebe Kontakte mit Schulen und der Jugendpflege an, um die Erinnerung an die jüdische Gemeinde, die zeitweise eine der größten in ganz Westfalen war, lebendig zu halten. Lediglich eine jüdische Familie lebt heute noch in Altkreis Lübbecke.