Evangelischer Kirchenkreis Lübbecke

Denkmäler geben zu denken

Zahlreiche Besucher schauen sich Kirchturm und Kantorenhaus in Rahden an



Von Michael Nichau
Rahden (WB12.9.2011)). »Jeder geht so weit, wie er es sich zutraut«, mit diesen Worten hat Pfarrer Stefan Thünemann die Turmbesteigung in der Rahdener St.-Johannis-Kirche eingeleitet.

Zum Tag des offenen Denkmals konnten sich zahlreiche interessierte Rahdener Bürger den Turm des Gotteshauses inklusive Turmuhr und Glocken von innen ansehen. Nach dem Erklimmen der engen Wendeltreppe gab Thünemann auf der ersten Ebene des Turms - dort steht das Uhrwerk - einige Erklärungen zur Geschichte des Bauwerkes.
Ab 21. September treten zwei Studentinnen ihren Dienst an. Sie sollen den Turm auf seine Geschichte und Architektur hin untersuchen. Thünemann zeigte den Besuchern auch den Zugang zum Tonnengewölbe oberhalb des Kirchenschiffs. Dort haben - nicht für die Öffentlichkeit zugänglich und streng unter Naturschutz - die »Mausohren«, eine Fledermausart, ihre Kinderstube.
»Wir planen, dort in Zukunft vielleicht eine Webcam aufzustellen, damit die Tiere ungestört beobachtet werden können«, sagte Thünemann. Mit großem Interesse wurden die drei Glocken begutachtet. Die kleine läutet viertelstündlich. Die Mittlere ist die eigentliche »Betglocke«, die zum Vaterunser erklingt. »Vor dem Gottesdienst läuten alle drei Glocken«, erklärte Thünemann und lüftete das Geheimnis, warum die Glocken nach einer Beerdigung auf dem entfernten Friedhof immer pünktlich erklingen.
»Die Höhe des Glockenstuhl ist außerdem bewusst so gewählt, dass das Geläut bis Sielhorst, Varl, Alt-Espelkamp, Tonnenheide und manchmal Wehe zu hören ist.«
Er biete nach Voranmeldung auch Führungen in die Spitze des Turms - für schwindelfreie Personen - an, erklärte der Pfarrer. Dann könne man bis auf 40 Meter Höhe ins Innere des Turmes klettern.
Gleichzeitig mit dem Kirchturm hatte auch das ehemalige Kantorenhaus an der Langen Straße geöffnet. Die Rahdener Landfrauen servierten Kuchen auf der Deele und präsentierten bei der Gelegenheit ihr neues Backbuch.
Im Mittelpunkt des Interesses standen die Führungen von Magdalene Kottenbrink, die das Leben im Lehrer- und Organistenhaus um das Jahr 1820 lebendig werden ließ. Einer der damaligen Bewohner (bis 1838) sei ein Lehrer Kunsemüller gewesen, der gleichzeitig Organist war und eine Aufgabe als »Post-Expediteur« wahrgenommen habe. »Die Kirche hatte damals die Schulaufsicht und stellte die Diensträume für den Lehrer«, erklärte Kottenbrink.



»Man muss erst einmal Begeisterung zeigen und sich dann Gedanken machen, wie man neue Pläne umsetzt«, sprach sie eine Initiative für das historische Ackerbürgerhauses aus dem Jahr 1810 an. »Es muss eine Idee her und die muss verwirklicht werden«, gibt sie sich für den Erhalt des seit 1981 denkmalgeschützten Hauses kämpferisch. »Das ist ein Zeugnis unserer Geschichte, ähnlich wie der Museumshof.«

WB Artikel vom 12.09.2011

Bauwerk mit Besonderheiten
Offene Tür: Großes Interesse an früherem Rahdener Kantoren-Haus


VON JOERN SPREEN-LEDEBUR

Rahden. Die Besucher staunten. Einige wunderten sich, dass das Haus noch bis vor wenigen Jahren bewohnt war. Andere staunten über die Größe der Anlage. Viele Gäste nutzten am Sonntag die Möglichkeit, sich das frühere Kantoren-Haus an der Langen Straße anzuschauen.
Die evangelische Kirchengemeinde hatte das denkmalgeschützte Haus geöffnet – und war damit einem immer wieder geäußerten Wunsch von Bürgern nachgekommen. Die nutzten die Gelegenheit, anlässlich des Tags des offenen Denkmals das 1810 erbaute Ackerbürgerhaus zu besichtigen. Wer sich dabei stärken wollte, hatte auf der Deele die Gelegenheit.
Rahdener Landfrauen um Irma Meyer boten in rustikaler Atmosphäre Kaffee und Kuchen an. Wer mochte, der konnte bei dieser Gelegenheit auch das neue Backbuch der Rahdener Landfrauen (die NW berichtete) erstehen. Allerlei Interessantes zur Geschichte des Kantoren-Hauses berichtete Magdalene Kottenbrink. Sie führte die Gäste durch die Räume.
Ursprünglich sei das Kantoren-Haus ein offenes Haus gewesen, ein so genanntes „Rauch-Haus“ mit offener Feuerstelle oder Kamin im Flett. „So wie im Museumshof“, erklärte Kottenbrink. Später sei dann in Preußen die Schornsteinpflicht eingeführt worden. Daher wurde umgebaut, das Flett wurde zum Flur. „Das Kantoren-Haus war etwas vornehmer“, weiß Kottenbrink. Es habe Diensträume gehabt – mit Kanonenofen. „Alle Diensträume in Preußen wurden mit Kanonenöfen geheizt.“
Diensträume im Kantoren-Haus? Der damalige Lehrer und Organist Kunsemüller, der im Juli 1838 starb, war auch Post-Expediteur. „Lehrer waren arm und verdienten sich so noch etwas hinzu“, so Kottenbrink. Kunsemüller beaufsichtigte in Rahden den preußischen Postbetrieb – daher verfügte das Haus auch über Diensträume. Nach dem Tod Kunsemüllers sei zwar die Lehrerstelle wieder besetzt worden, nicht aber die des Post-Expediteurs, so Kottenbrink.
Zu den Besuchern, die besonders aufmerksam durch die Räume gingen, gehörte auch Karl Rohlfing aus Destel. So wie sich das Haus heute darstelle, sei vielleicht vor gut 100 Jahren ein letzter größerer Umbau erfolgt. Es sei schon etwas besonderes, dass das Haus noch über einen „Luchtbalken“ verfüge. Der Balken des Kantorenhauses sei auch höher als sonst üblich. Durch die Konstruktion komme mehr Licht ins Haus, ergänzte Kottenbrink.

Kantorenhaus stiehlt Kirchturm die Schau
Erste Öffnung am „Tag des offenen Denkmals“ zog viele Besucher an / Magdalene Kottenbrink: „Spannendes Haus“

Kai Pröpper
RAHDEN Das vergleichsweise kleine Kantorenhaus an der Langen Straße in Rahden stahl dem mächtigen Kirchturm der St.-Johannis-Kirche am Sonntag die Schau. Zum ersten Mal öffnete die evangelisch-lutherische Kirchengemeinde Rahdens am deutschlandweiten „Tag des offenen Denkmals“ die Türen und Fensterläden des sanierungsbedürftigen Fachwerkhauses und ließ Besucher herein – und die kamen in Scharen, während in der Kirche trotz Turmführungen nicht so viel los war.
„Ich staune über die Besucherzahl. Da hätte ich nicht mit gerechnet“, war Angelika Hassfeld vom Vorstand der Rahdener Landfrauen hellauf begeistert. Sie und ihre Mitstreiterinnen hatten auf der Deele des Hauses ein Kuchenbüfett aufgebaut, an dem man sich gegen eine kleine Spende bedienen konnte, und boten ihr Backbuch „Erprobte Back-Rezepte der Rahdener Landfrauen“ an. Ein paar Exemplare waren schon weg.
Die Besucher schlenderten durch die vom CVJM Rahden illuminierten Räume und sahen sich um. Manche warteten mit dem Gucken auf Magdalene Kottenbrink, die sich bereit erklärt hatte, zwei Führungen anzubieten.
„Mit welchen Gefühlen verlassen Sie das Haus?“, stand auf einem Zettel, den die Presbyterinnen Maike Griepenstroh und Brunhilde Meier an der Pforte aufgehängt hatten. Sie sammelten Eindrücke, die sie zur weiteren Verwendung ins Presbyterium tragen wollten, denn bislang weiß die evangelisch-lutherische Kirchengemeinde laut Pfarrer Stefan Thünemann nicht, was mal aus dem Zweiständerhaus werden soll. Den Zustand des Gebäudes beschrieben die Kommentare „Erhalten, aber das will ich nicht geschenkt haben“, „Teurer Spaß“ und Herausforderung, viel Arbeit“ schon ganz treffend. „Total zufrieden“ waren Meier und Griepenstroh mit der Zahl der Besucher, die mit Regenschirmen bewaffnet bis vors Haus standen, um Magdalene Kottenbrink sprechen zu hören.
„Es ist wirklich ein spannendes Haus“, begann diese ihre Ausführungen und erklärte, was das 1810 gebaute Zweiständerhaus zu einem Ackerbürgerhaus machte. „Hinter dem Haus befand sich ein Acker zur eigenen Verpflegung“, sagte die ehemalige Museumshof-Leiterin, die ihrem Vortrag „Fakten, Wahrnehmungen und Vermutungen“ zugrunde legte. Zum Haus hätte mal das Grundstück des Kindergartens sowie das des Pfarrhauses gehört, informierte sie.
„Wir wissen, dass hier ein von der Kirche angestellter Lehrer gewohnt hat, der auch Organist war“, so die Expertin, die sich auf die „Chronik der Gemeinde Rahden 1818-1888“ von Werner Kirchhoff bezog. Besonders beeindruckend fand Kottenbrink den an die Deele angeschlossenen „Original-Ziegenstall“. Eine weitere Besonderheit des Hauses sei, dass es zu zwei Dritteln unterkellert sei. „Aber Herr Thünemann wollte nicht mit mir in den Keller gehen“, brachte Magdalene Kottenbrink ihre aufmerksamen Zuhörer zum Lachen.kap
DK 12.9.2011