Evangelischer Kirchenkreis Lübbecke

Sehnsucht nach Westerwelle


Von Cornelia Müller
Gehlenbeck (WB). Ohne Gieseking geht's nicht. Ein Jahresanfang in Gehlenbeck ohne Bernd Gieseking ist wie ein Kaktus ohne Stacheln. »Bevor er nicht hier war, kommen wir mit dem begonnenen Jahr nicht in die Pötte«, begrüßte Hannes Steen am Freitag den Kabarettisten aus Kutenhausen. »Deshalb ist es gut, dass er jetzt da ist und uns wach küsst für 2012.«
Kabarettist Bernd Gieseking hat seinen eigenen Rettungsschirm immer mit dabei. Warum sollen nur Staaten und Banken einen haben, fragt er sich vor 200 Zuschauern in Gehlenbeck. Foto: Müller
Und wie wach die 200 Zuschauer im Gehlenbecker Gemeindehaus wurden, während Bernd Gieseking das vergangene Jahr noch einmal Revue passieren ließ. »Es war ein feuchtes Jahr«, stellte er fest. Putin sei Schatztauchen gegangen, Guttenberg untergegangen. Wulff stehe das Wasser bis zum Hals und ein Augenarzt aus der FDP präsentiere sich nassforsch und fachfremd als Bundeswirtschaftsminister. Ganz Deutschland habe geweint, als Eisbär Knut im Wassergraben ertrunken ist. Und als Käthe ihrem Willi in England das Ja-Wort gegeben hat, da habe ganz Deutschland noch einmal Tränen vergossen - vor Freude natürlich. »Aber was diese Hochzeit gekostet hat - davon hätten wir Griechenland sanieren können!« Allerdings seien die Griechen letztlich selbst schuld an ihrem Elend: »Wer nach jedem Essen einen Ouzo spendiert...«
»Blicken Sie noch durch?« fragte Gieseking. 2011 sei die Lage besonders unübersichtlich gewesen. Mehdorns Höhenflüge zum Beispiel: »Wieso wird jemand, der schon die Bahn reingerissen hat, Chef von Air Berlin?« Wahrscheinlich arbeite Mehdorn bereits an einem neuen Konzept: »Flugzeuge dürfen nur noch mit Verspätung landen. Außerdem will er dafür sorgen, dass jederzeit ein mobiler Brezelverkäufer zusteigen kann.«
Genauso unübersichtlich: Die vielen Nullen in der deutschen Wirtschaft. Da hat sich die Hypo Real Estate doch glatt um 55 Milliarden verrechnet. »Ja, kennen die denn beim Rechnen keine Probe?« Aber vielleicht halten sie sich einfach an Pippi Langstrumpf, Merkels engste Beraterin: »Zweimal drei macht vier, widdewiddewitt, und drei macht neune. Ich mach' mir die Welt, widdewidde, wie sie mir gefällt.« Und wo wir gerade bei der mächtigsten Frau der Welt sind: »Super-Angie« alias »Mutti» sei einfach unkaputtbar. Bernd Gieseking weiß auch, warum: »Die Frau ist Physikerin. Die kann Widerstände berechnen.«
Allgegenwärtig ist der große ostwestfälische Weise »Konfusion«: Beim Aufstieg der Piraten und beim Abstieg der FDP, wenn Schwarz-Gelb die Wehrpflicht abschafft und Rot-Grün Sozialabbau betreibt, wenn Politiker-Ehen einen Mindestaltersunterschied von 20 Jahren voraussetzen und beim Gedanken an Ronald Pofalla Sehnsucht nach Guido Westerwelle aufkommt.
Und weil die Wirklichkeit 2011 schon Satire genug war, brauchte Bernd Gieseking manchmal nur die nackten Fakten aufzulisten, um für helle Heiterkeit in den Zuschauerreihen zu sorgen. Aber so richtig schön wurde es erst durch seine trockenen Kommentare und seine sehr persönliche Art zu erzählen. »Merkel, Krisen, Sarkozy, wir werden lachen über die,« reimte Gieseking und löste dieses Versprechen wieder einmal mühelos ein.
WB Artikel vom 06.02.2012

Rette sich, wer kann!

Gelungener Jahresrückblick mit dem Kabarettisten Bernd Gieseking

VON SONJA FAULHABER

Lübbecke-Gehlenbeck. „Bevor er nicht hier war, da dümpeln wir Gehlenbecker im neuen Jahr nur so herum“: Hannes Steen, Aktiver der Gehlenbecker Kaktus-Gruppe, fand mehr als nur ein paar freundliche Worte, um einen ganz besonderen Gast im Gehlenbecker Gemeindehaus zu begrüßen. Es handelte sich um den Kabarettisten Bernd Gieseking, der bereits zum neunten Mal an diesem Ort auf das vorangegangene Jahr zurückblickte. Und das mit jeder Menge Seitenhieben auf Politik und Prominenz.

Der satirische Jahresrückblick ist längst Kult in Gehlenbeck. Und so stand der Dortmunder Kabarettist dann auch vor einem vollen Saal mit 200 Zuschauern. „Bereits nach einer Woche waren die Karten ausverkauft“, erinnert sich Hannes Steen zurück an den November, als der Kartenvorverkauf begann. Und Bernd Gieseking erfreut sich zu Recht solch großer Beliebtheit in Lübbecke, denn der Kabarettist mit Mindener Wurzeln versteht es auf unterhaltsame Weise, ein spannendes Jahr in 90 Minuten zusammenzufassen. „Schon bis März war so viel in der Politik geschehen, dass ich genug Stoff für einen Kabarett-Abend zusammen hatte“, erzählt er unter dem Gelächter des Publikums.

Vielleicht war es dieser Fülle an Geschichten geschuldet, dass Gieseking selten mehr als zwei oder drei Sätze auf eine Situation verwandte. Er sprang wie ein Flummi zwischen Griechenland, Gottschalk und Guttenberg hin und her. Dazwischen durften natürlich auch Themen wie Putins Tauchgang, Lindners Rücktritt und die Rückkehr von Kuh Ivonne nicht fehlen. Eben alles, was die Menschen 2011 bewegt hat.

„Die Lage ist unübersichtlich“, so der immer wieder kehrende Kommentar des 54-Jährigen.

„Merkel führt wieder die Forbes-Liste an. Und wie das bei allen Superhelden so ist, sieht sie doch auch aus als träge sie ein Cape, oder? Ich meine ihr Jackett – das ist hinten so fluffig geschnitten.“ In launigem Ton raste Gieseking durch zwölf Monate. Aber egal, bei welchem Thema er gerade war, für die FDP hatte er immer einen Scherz auf den Lippen. Ob es nun der Papstbesuch war („Der hat mich zum Gebet für die FDP inspiriert“) oder Merkels Regierungsarbeit („FDP-Wähler müssen sich doch nur noch  rechtfertigen, schließlich bestimmt Mutti alles, was in ihrer Partei beschlossen wird“) – die Liberalen bekamen eins übergebraten.

Aber Gieseking ging auch auf seine ostwestfälische Heimat ein. So erinnerte er sich zum Beispiel im Zuge der Wehrreform an seine eigene Musterung in Herford. Für ihn beinhaltet die Abschaffung der Wehrpflicht einiges Gute: „Ein Bundeswehrarzt wird nie wieder mit kalten Händen an das Gemächt eines jungen Mannes fassen.“ Und um die Bundeswehr künftig attraktiver zu gestalten, könnte er sich vorstellen, dass Befehle nur noch per E-Mail verschickt und statt Weltkriegen künftig nur noch Blitzkriege geführt werden: „Das ist auch besser für die Urlaubsplanung.“  Aber Bernd Gieseking beschäftigte sich nicht nur mit dem vergangenen Jahr, er blickte auch ein wenig in die Zukunft und stellte solch wegweisende Fragen wie: „Bekommt Kristina Schröder einen Hortplatz für ihr Kind?“

Insgesamt ein gelungener Abend, der im nächsten Jahr sicherlich eine Wiederholung findet.

NW 6.2.2012