Evangelischer Kirchenkreis Lübbecke

»Ostwestfalen besiegen sich am Ende selbst«

Kabarettist Bernd Gieseking fasst das Jahr 2009 zusammen - und die Mächtigen am Kragen



von Cornelia Müller
Gehlenbeck (WB). »Normal ist es eigentlich nicht, dass man in 90 Minuten ein ganzes Jahr Revue passieren lassen kann und dass es einen bekennenden GWD-Fan wie Bernd Gieseking immer wieder in die Nähe von Nettelstedt zieht«, findet Hannes Steen von der Kaktus-Gruppe der Gehlenbecker Kirchengemeinde.

Für den Kabarettisten Gieseking scheint das jedoch die normalste Sache der Welt zu sein. Am Freitag präsentierte er vor 200 begeisterten Zuhörern im Gehlenbecker Gemeindehaus seinen satirischen Jahresrückblick »Ab dafür!« und teilte dabei ordentlich aus.
Sie alle bekamen ihr Fett weg: Die Politiker der Generation Schnieke - Guttenberg, Röttgen, Rösler und »Drei-Wetter-Taft-Minister« Guido Westerwelle (»Und die Frisur sitzt«). Die Genossen der SPD und Frank-Walter Steinmeier - nach Arminius und Gerhard Schröder erst der dritte Ostwestfale, der in Deutschland nach der Macht griff, der sich am Ende aber selbst besiegte. Die unkaputtbare Kanzlerin Angela Merkel - subversiv wie das ostdeutsche Ampelmännchen und trotz ihrer bonbonfarbenen Jacketts seit Jahren mächtigste Frau der Welt.
War es ein Zufall, dass ausgerechnet im Jahr 2009 das Glühbirnenverbot in Kraft trat? Gieseking wusste es besser und kommentierte spitzzüngig: »Es sitzt keine Leuchte mehr im Parlament, nur noch Energiesparlampen.« Für die Automobilindustrie war Energiesparen 2009 allerdings kein Thema. Und dabei war es ein Autojahr: Die Abwrackprämie wirbelte die Schwacke-Algebra durcheinander, Schumacher wird wieder seine Runden drehen (»jetzt folgt nicht ein Armer aus dem Morgenland, sondern ein Reicher aus dem Abendland dem Stern«) und Opel ist am Ende, »weil sie nicht begriffen haben, dass man mit Namen wie Zafira und Insignia keine Autos verkaufen kann«. Lustvoll buchstabierte Gieseking das ABC der Ereignisse und Jubiläen 2009 durch - Arminius, Billy-Regal, Charles Darwin (»Ich finde die Evolution übrigens super. Ich frage mich nur, wie ist Guido Westerwelle da durchgekommen?«) - und hielt einen bewegenden Nachruf auf die Bibel des Wirtschaftswunders: den Quelle-Katalog.
Er gab sich kriegerisch wie einst Hermann, der Varus-Bezwinger, und forderte: »Gebt den Politikern Schwerter und lasst sie es auskämpfen. Das wäre auch für das Volk interessanter, als alle vier Jahre seine Stimme abzugeben.« Dann wieder plauderte er ganz friedlich über seine Familie in Minden-Kutenhausen und vermittelte den sympathischen Eindruck: Der Mann kann noch über sich selbst lachen.
Überhaupt ging es sehr familiär zu. Immerhin gastierte Gieseking bereits zum achten Mal in Gehlenbeck. Nicht einmal ein vorübergehend ausgefallenes Mikrofon konnte ihn auf seinem 90-Minuten-Ritt durch 2009 bremsen. Michael Jackson und Barack Obama, die Schweinegrippe und das Iglo-Fischstäbchen, Hartmut Mehdorn und Horst Schlämmer: Gieseking ließ nichts aus. Wussten Sie schon, dass die Sesamstraße im vorigen Jahr 40 geworden ist? Und dass das Krümelmonster seit zwei Jahren nur noch Obst und keine Kekse mehr essen darf, weil die amerikanischen Kinder zu dick werden? Jetzt wissen Sie's. Aber wie sagte Konfusion, der große ostwestfälische Weise? »Ab dafür«.
WB Artikel vom 08.02.2010

Den Nerv getroffen
Bernd Gieseking füllt das Gemeindehaus


VON HANS-GÜNTHER MEYER

Lübbecke-Gehlenbeck. Der Auftritt des Kabarettisten Bernd Gieseking im voll besetzten Gehlenbecker Gemeindehaus zeigte einmal mehr, dass das Angebot der ehrenamtlich arbeitenden Kaktus-Gruppe viel Anklang findet .

„Wir sind immer ausgebucht, wenn Bernd Gieseking zu Gast ist“, erklärte der Sprecher Johannes Steen. In diesem Jahr begeisterte der heute in Dortmund lebende Künstler die rund 200 Besucher mit dem satirischen Jahresrückblick „Ab dafür!“.

Mit Witz, Ironie und einem Augenzwinkern spannte Gieseking einen Bogen von A wie Abwrackprämie bis Z wie Zubehörliferant Magna. „Abwrackprämie hieß, man bekam 2.500 Euro für sein altes Auto, das eigentlich noch 4.000 Euro wert war, weil das Neue im ersten Jahr 10.000 Euro an Wert verliert“, erzählte Gieseking mit einem Schuss kabarettistischer Boshaftigkeit.

Auch die Frisuren von Kurt Beck und Dagmar Metzger nahm er auf die Schippe und verkündete, dass es mit Frank-Walter Steinmeier nach Arminius und Gerhard Schröder schon der dritte Ostwestfale zum Kanzlerkandidaten gebracht habe.

Was den Erfolg der 90-minütigen Show ausmachte, war aber nicht nur Giesekings Hintersinn und die Vielfalt an witzigen Pointen. Hervorzuheben ist, dass der Kabarettist mit dem Publikum im rasanten Tempo eine satirische Achterbahnfahrt absolvierte. Und trotzdem gelang es ihm, den Fahrgästen genügend Raum zu lassen, die Pointen zu antizipieren und mit direktem Szenenapplaus oder auch einem längeren Lachen darauf reagieren zu können. „Gut finde ich auch, dass er sein Programm auf unsere Region zuschneidet. Und er trifft den Nerv der Leute“, nannte Johannes Steen weitere Aspekte. NW 10.2.20010