Evangelischer Kirchenkreis Lübbecke

Gieseking ist wie ein Kaktus: er sticht und sticht

Satirischer Blick auf täglichen Irrsinn
Jahresrückblick mit Bernd Gieseking vor ausverkauftem Haus in Gehlenbeck



VON GERHARD TERSTEGGE ( TEXT UND FOTOS)

Lübbecke-Gehlenbeck. Im evangelischen Gemeindehaus Gehlenbeck war es wieder an der Zeit für einen satirischen Rückblick auf das vergangene Jahr. Frei nach Mark Twain geschieht ja in jedem Jahr immer genau so viel, dass ein Kabarettist ein volles Programm daraus gestalten kann. Die Kaktus-Gruppe der Kirchengemeinde hatte dazu wieder den Kabarettisten Bernd Gieseking eingeladen, der in Gehlenbeck nun schon zum siebten Mal auf der Bühne stand.
Johannes Steen begrüßte ihn vor einem seit Wochen ausverkauften Haus als „Multitalent“ und „Schwiegermutterschwarm“. Bernd Gieseking, bei dem die ostwestfälische Herkunft aus jedem Knopfloch leuchtet, kennt den Menschenschlag hier bei uns. Entsprechend behutsam resümiert er zunächst, lässt 2010 noch einmal vorbeiziehen: Fußball, Sigmar Gabriel, die Ölkatastrophe und den Abschied vom Kraken Paul. Wildsau und Gurkentruppe, Lena als „Schneewittchen und Sterntaler in Einem“, Gerhard Schröder, „der russischste Deutsche nach Ivan Rebroff“, Frau Käßmann als „Obama der evangelischen Kirche“ und immer wieder Sarrazin geben ihm genügend Stoff.
Aufgabe des Kabarettisten ist es, das tägliche Geschehen von oben zu betrachten und mit scharfer Sprachklinge zu sezieren, zum Kern der Sache vorzudringen und doch mit dem nötigen Humor den Abstand zur Realität zu wahren.
Nicht ohne ihn beim Namen zu nennen, gilt es den Nonsense-Ballast für die Abfalltrennung in die verschiedenen Mülleimer der Geschichte zu entsorgen. Seit 1994 langt Bernd Gieseking in seinem satirischen Jahresrückblick „Ab dafür“ dabei kräftig hin.
Nach der Anwärmphase und der Pause legte Gieseking an Tempo zu. Schlag auf Schlag zerpflückte er den täglich anzutreffenden Irrsinn. Diesen stellte er in provokanten Phrasen wie „Der Patient hat heute nur noch acht Minuten Zeit für den Arzt“ dar und führte ihn der letzten Klärstufe zu: „Sarrazin zu lesen ist eine Ekelmutprobe.“
Bücher haben es ihm angetan, auch wenn er den Klappentext oft – wie Angela Merkel – als ausreichende Informationsquelle sieht und ein dicker Wälzer sich in der Insektenabwehr schlagkräftiger als ein eBook erweist. Auch Streetview und Web-Dienste dringen in den ländlichen Alltag. Behutsam verzeiht er den Älteren ihr Unwissen über die neuesten Errungenschaften der modernen Kommunikation. Dabei wird aus dem Satiriker „ein Mensch, der anfängt zu leben“, wie Johannes Steen diese leiseren Töne beschrieb. Bernd Gieseking ist gebürtiger Mindener. Sein Lebenslauf ist so abwechslungsreich wie sein Programm. Vom Handwerk bis zum Studium der Theologie reicht seine Ausbildung, durchsetzt von zahlreichen Ausflügen in alle Sparten des Arbeitslebens. Eine bessere Voraussetzung für den kritischen Durchblick bei einem Jahresrückblick kann es wohl nicht geben. Bernd Gieseking kennt die Welt und so ist ihm alles Menschliche gewiss nicht fremd.
Die Trunkenheitsfahrt einer Theologin wird für ihn zu einer theologischen Fahrt: „Hat Gott vergessen, die Ampel auf Grün zu stellen?“ Gieseking zitiert Konfusius, den ostwestfälischen Weisen: „Würde ist mehr als ein Konjunktiv.“ Der Kabarettist war diesmal weniger provokant, aber wie der Besucher Günter Hauser nach dem Schlussapplaus sagte: „Kurzweilig und überdenkenswert für den Nachhauseweg.“

Sein satirischer Jahresrückblick hat in Gehlenbeck schon Tradition

Gehlenbeck (cm). Die Kaktus-Gruppe der evangelischen Kirchengemeinde Gehlenbeck feiert in diesem Jahr ihr zehnjähriges Bestehen. Als angemessene Auftaktveranstaltung kommt da eigentlich nur eine in Frage: Bernd Giesekings satirischer Jahresrückblick »Ab dafür!«
Sein satirischer Jahresrückblick hat bei der Kaktus-Gruppe schon Tradition: Bernd Gieseking mit »Ab dafür!«Foto: Cornelia Müller

»Kultstatus« bescheinigte Hannes Steen von der Kaktus-Gruppe dem »Gehlenbecker Schwiegermutterschwarm«. Sein Jahresrückblick hat in Gehlenbeck Tradition: Mit Gieseking wird das neue Jahr erst schön. Denn wenn er richtig loslegt und die Höhen und vor allem die Tiefen des vergangenen Jahres noch einmal an sich vorüberziehen lässt, macht er es, wie der kleine grüne Kaktus: Er sticht, sticht, sticht. Auch diesmal traf er damit wieder zielsicher den Lachnerv der 200 Zuhörer im ausverkauften Gemeindehaus.
2010 war - so Gieseking - vor allem ein Jahr der Krisen. Die SPD war so lange in der Krise, bis Steinmeier seiner Frau eine Niere spendete. Dann stiegen die Umfragewerte in schwindelerregende Höhen: »Wenn jetzt Sigmar Gabriel noch seine Leber spenden würde, könnte die SPD demnächst allein regieren.«
Die Regierungsparteien steckten ebenfalls in einer Krise und beschimpften sich gegenseitig als Wildsau, Rumpelstilzchen und Gurkentruppe. »Manchmal muss man als Kabarettist einfach nur mitschreiben.« Vor allem die FDP hatte es voll erwischt: »Schneller kann man nicht abwirtschaften. Gemessen an Westerwelle spielt Schalke eine Supersaison«.
2010 war auch das Jahr der Rücktritte, erinnerte sich Gieseking. Am spektakulärsten der von Horst Köhler. Wer sollte sein Amt übernehmen? Der abgedankte Roland Koch? Der verletzte Michael Ballack? Die inzwischen wieder nüchterne Margot Käßmann? Die zu junge Lena Meyer-Landrut? Das Casting für »Unser Star für Schloss Bellevue« lief auf Hochtouren, bis schließlich Wulff in die Bresche sprang, weil er unbedingt Carla Bruni kennenlernen wollte.
Und 2010 war das Jahr der Katastrophen: Ölpest im Golf von Mexiko (»BP tat so, als ob auf der Toilette der Spülkasten liefe«), Atommüll in der Asse (»Jetzt wird ernsthaft die Privatisierung der Endlagerung erwogen. Wenn Sie Interesse haben, Atommüll zu Hause aufzubewahren: Wichtig ist nur, dass man das Zeug nicht von der Straße aus sieht und der Raum abgeschlossen werden kann«). Der Ausbruch des Eyjafjallajökull in Island (»der war nach dem Ausbruch des Nachbarvulkans Gidowesterfjelle zu erwarten«) sorgte für Verkehrschaos, von dem die Bahn nicht betroffen war. Wenigstens bei der Bahn also alles in Ordnung? Erste Gegenmaßnahmen sind bereits ergriffen: Die Bahn rüstet jetzt ihre Fahrkartenautomaten um, denn »immer mehr Kunden konnten mit den alten Automaten umgehen.«
Was bleibt übrig von 2010? Giesekings persönliches Fazit lautet: Der Mann des Jahres - Karl- Theodor zu Guttenberg, »der Michael Jackson der CSU, der James Bond aus Oberfranken«. Und nach »Stuttgart 21« auch die Erkenntnis, »dass sich der Deutsche inzwischen auch für Dinge interessiert, die ihn eigentlich nichts angehen«. Das lässt hoffen für 2011: »Wir haben die Frauen-Fußball-WM in Deutschland, und da werden wir gewinnen. Wir haben den Eurovision Song Contest in Düsseldorf, und da wird Lena gewinnen. Wir kaufen uns Griechenland, Irland und Portugal und im September kommt der Papst nach Deutschland und verteilt Kondome.« Mal sehen, ob Gieseking Recht behält.
WB Artikel vom 07.02.2011