Evangelischer Kirchenkreis Lübbecke

Frauenhilfe Gehlenbeck im Gespräch auf Schloss Corvey

»Corvey hält mich jung«
Museumsführer Rolf Riegert berichtet in der WESTFALEN-BLATT-Serie



»In der Abteikirche darf ruhig gelacht werden«, sagt Rolf Riegert. Der 73-jährige pensionierte Schulamtsdirektor führt jedes Jahr zahlreiche Gruppen durch das Schloss und die Kirche. Fotos: Ingo Schmitz
Höxter (WB). Wie kann ein 1200 Jahre altes Gemäuer einen Pensionär jung halten? Rolf Riegert aus Höxter macht es vor. Der 73-Jährige gehört zum Team der Museumsführer in Corvey. Allein im Monat Mai führt er 28 Gruppen. In der zweiten Folge der Serie »Wir sind Corvey« hat ihn das WESTFALEN-BLATT begleitet.
Dynamisch, frisch und voller Begeisterung für seine Aufgabe: So kommt Rolf Riegert mit festem Schritt und entschlossener Miene auf die Besuchergruppe zu. »Heute alles nur Damen?«, fragt der frühere Schulamtsdirektor freundlich in die Runde. Die Ausflügler gehören zur evangelischen Kirchengemeinde Gehlenbeck (Kreis Minden-Lübbecke). Ohne große Umschweife führt Riegert die Damen in den Kreuzgang und eröffnet ihnen: »Der Fußboden, auf dem Sie stehen, ist vor 900 Jahren verlegt worden. Unter ihren Füßen sind Mönche begraben. Wieviele, das wissen wir nicht!« Diese Worte machen neugierig, und die Besucherinnen – inklusive ihrer Pastorin Barbara Fischer – hängen dem Höxteraner von nun an mit ihren Augen an den Lippen.
»Dies hier ist kein Geschichtsunterricht. Geschichte lebt durch Geschichten. Und Corvey ist voll damit«, stellt Riegert klar. Anschaulich gibt er einen Einblick in die Historie. Dann erzählt er, wie Karl der Große auf dem alten, schmalen Heerweg durch das Diemeltal ritt und dort von Herzog Widukind angegriffen wurde. Wenig später berichtet er, wie 4500 Sachsenkrieger geköpft wurden, weil sie nicht bereit waren, den christlichen Glauben anzunehmen.
Der Streit zwischen Franken und Sachsen – Blutbäder und Schlachten – gehören ebenso dazu wie die Legende um den heiligen Vitus, der Wunder vollbrachte und dafür zu Tode gefoltert wurde. Auch die Geschichte, wie der Wein nach Corvey kam, wird erzählt. Zudem weiß Riegert die Besucher für die Sinopien, die geheimnisvollen Pinselzeichnungen auf den Säulen in der Kaiserkirche, zu begeistern. Ein Kapitel widmet er Hoffmann von Fallersleben.
Seit seiner Pensionierung vor zehn Jahren ist Rolf Riegert in Corvey tätig. »Ich habe an der Seniorenuniversität Kunst- und mittelalterliche Geschichte studiert. Danach hatte ich das Gefühl, damit etwas tun zu müssen«, berichtet der 73-Jährige. Schließlich wurde er gefragt, ob er für kunsthistorische Führungen in Corvey zur Verfügung stehe.
»Jeden Winter forsche ich über Corvey. Das hält mich geistig fit«, verrät der Hobby-Historiker. Jüngst ist er auf ein altes Buch gestoßen, das ihm neue Erkenntnisse gebracht hat. Davon profitieren die Besuchergruppen, die die Chance nutzen, Zwischenfragen zu stellen. Eine der häufigsten ist die Frage, wem Corvey gehört. Viele vermuten, dass es in Landesbesitz sei. Immer dann erzählt Riegert von der herzoglichen Familie, die hier mit ihren Prinzen und Prinzessinnen lebt. »Glauben Sie mir«, sagt er zu den Damen aus Lübbecke, »die sehen nicht anders aus, als Ihre Enkelkinder!« Die Seniorinnen lachen, worüber sich Riegert freut: »Auch wenn das viele Jahrhunderte verboten war: In der Abteikirche darf gelacht werden.« Pastorin Barbara Fischer ist mit der Führung sehr zufrieden. »Herr Riegert stellt sich auf die Gruppe und die Fragen ein. Man merkt, dass er viel Fachwissen hat und Corvey sehr zugewandt ist«, lobt sie den 73-Jährigen.
Rolf Riegert wünscht sich, dass der Antrag auf Anerkennung als Weltkulturerbe Erfolg hat. Bei seinen Führungen erklärt er: »Das wäre eine tolle Sache, vor allem, weil es dann einfacher werden könnte, alles zu erhalten.« Seiner Meinung nach ist es wichtig, dass im Antrag die Seele Corveys spürbar wird: »Das ist ein Pfund, mit dem wir wuchern können.«