Evangelischer Kirchenkreis Lübbecke

Die Liebe ist das schwächste Glied in der Kette

 

„Gott versöhnt die Welt mit sich selber“. 100 Interessierte bei der Podiumsdiskussion in Gehlenbeck.


V.l. Antje Rösener, Uta Grümbel, Günter Ebbrecht, Rolf Wischnath

Wer dachte, theologische Fragen seien Theologen und Fachleuten vorbehalten, wurde in Gehlenbeck eines Besseren belehrt. Von den fast einhundert Zuhörenden waren 70 % keine Hauptamtlichen. Die Frage nach der Bedeutung des Todes Jesu beschäftigte viele Gemeindeglieder von Pr. Ströhen über Espelkamp bis Oberbauerschaft. Sie erhielten von den drei Fachleuten grundlegende Informationen zur Bedeutung des Todes Jesu.



Interessierte Gäste verfolgten aufmerksam die Diskussion

Nach einigen Ausführungen ging man in Diskussionsgruppen. Dort zeigte sich, dass es weiteren Gesprächsbedarf gab und ein großes Interesse, die biblischen Texte genau zu befragen. Zum Abschluss fassten die Referenten ihre Sicht zusammen.




Pointiert gab Uta Grümbel ein Statemant ab.

Abgelehnt wurde die Meinung, dass durch den Tod des unschuldigen Opfers Jesu der Zorn des Vaters versöhnt(werde). „Diese Sichtweise ist nicht neutestamentlich.“ Sagte Prof. Dr. Rolf Wischnath. Vielmehr habe sich in den biblischen Texten der einzige Gott mit dem sündigen Menschen identifiziert.
Prof. Dr. Günter Ebbrecht fügte aus systematisch theologischer Sicht hinzu, dass ein Sühnopfer nur schwer verstehbar sei. Braucht Gott das Tun eines Menschen? Uta Grümbel aus Hamburg betonte die innere Seite des Versöhnungsgeschehens. „Bei der Frage nach dem Tod Jesu geht es um eine Herzenssache, es geht um etwas sehr persönliches. „Ich bin bei Gott so wichtig, dass er sein Liebstes gibt. Es geht um das Innerste.“ Die biblische Rede von Sühne und Vergebung sei zu unterscheiden von der Wirkungsgeschichte. Die zeige sich vor allem in den Passionsliedern , aber auch im Heidelberger Katechismus, erklärte Wischnath. Im Vordergrund stand bei allen der Gedanke, dass Gott dem Menschen ganz nahe kommt. Ebbrecht wies darauf hin, dass nicht nur der Tod Jesu, sondern auch das Leben im Mittelpunkt der Verkündigung stehe, Gleichnisse erzählen wie Gott für den Menschen ist. In der Emmausgeschichte, der Geschichte, in der die enttäuschten Jünger dem Auferstandenen begegnen, werde dies deutlich. Uta Grümbel sagte: „: Der Mensch ist ein Geschöpf, das gut ist. Er ist Gottes Atem, Gott in uns. Als Menschen haben wir Grenzen. Gott sagt ja so wie wir sind. Im Tod zeige sich Gott in letzter Tiefe auf unserer Seite. Das Kreuz ist vor dem Lebenshorizont zu verstehen. Gott sagt ja! Der Tod ist keine Bedingung für die Liebe Gottes
Gott muss nicht versöhnt werden, er versöhnt die Menschen mit sich selber, sagte Wischnath und nahm den Gedanken von 2 Kor 5 auf. Gottes Geist lässt vielstimmig sprechen. Darum ringen wir um Wahrheit.
Ebbrecht betonte abschließend : Gott ist dem Menschen ganz nahe gekommen, in aller Freude und allem Leiden. Er kann sich selber verlassen. Rolf Wischnath betonte die prophetische Seite der Christusbotschaft. „Leiden und Tod Jesu ernst nehmen bedeutet auch immer den Kampf gegen Leiden und Sterben.“
Grümbel sagte abschließend: „Als Gräfin Donhoff auf der Flucht war, hatte sie ein Kreuz in der Satteltasche als Zeichen der Zuversicht und Hoffnung. Das Kreuz ist das Zeichen dass wir alle Gott so nahe sind. Gott ist so , er kann verwandeln. Das Kreuz ist die Vergewisserung Gott lässt niemanden, die Vergebung reicht weiter bis zu den Tätern. Es bleiben drei Glaube Hoffnung Liebe, die Liebe ist das schwächste Glied in der Kette- die Stelle, an welcher der Teufelskreis bricht (Eva Zeller)“




Daniela und Iwan Geene musizierten für die Veranstaltung
Die Podiumsdiskkussion wurde von Antje Rösener moderiert, veranstaltet wurde dieser Abend von der Erwachsenenbildung und dem Frauenreferat des Kirchenkreises.

„Ich will sein Opfer nicht“
100 Gäste verfolgen theologische Diskussion über den Sühnetod Jesu

VON KERSTIN KORNFELD

Lübbecke. Herausfordernd begann das Gespräch, versöhnlich endete es. So schwer wie grundsätzlich war das Thema, das sich die Diskussionsrunde im Gehlenbecker Gemeindehaus, passend zur Passionszeit, auserkoren hatte: „Jesus Christus – gekreuzigt für unsere Sünden?“ Provokant fragte Prof. Dr. Günter Ebbrecht, einer der drei Theologen auf dem Podium: „Ist Gott Sadomasochist?“ Welches Bild von Gott und welches vom Menschen prägt eine Religion, in der Schuld und Sühne, Martyrium und Foltertod so zentrale Bedeutung haben?

Rund 100 Gäste – Theologen und Laien – verfolgten das Gespräch im Rahmen der Reihe „MitLeidenschaft“ des Kirchenkreises Lübbecke. Mit Ebbrecht, dem ehemaligen Leiter des Instituts für Kirche und Gesellschaft, diskutierten Dr. Ute Grümbel, bis vor Kurzem Leiterin eines Gottesdienst-Instituts, und Prof. Dr. Rolf Wischnath, früherer Generalsuperintendent.

Es sei eine problematische Sicht, sagte Wischnath, von einem durch die Sünde der Menschen beleidigten Gott zu sprechen, der zornig reagiere.

Dieser Gott, so die Vorstellung, könne nur durch das Opfer eines unschuldigen Lebens versöhnt werden: das seines Sohnes. Das sei eine Verzerrung des alttestamentlichen Gottes.

Dagegen hielt Wischnath die Sicht des Neuen Testaments: Gott identifiziere sich mit dem elendigsten Menschen und stehe auf dessen Seite – „selbst wenn wir im Tod nur Gottverlassenheit erleiden.“

Günter Ebbrecht erinnerte an das Sühneopfer im kultischen Bereich und fragte: „Gibt es keinen anderen Weg der Versöhnung? Wieso bedient sich Gott des Gewaltakts anderer Mächte wie der Römer?“ Politisch gesehen bedeute Jesu Tod: „Was nicht verstanden wird, wird umgebracht oder zerstört.“

Ute Grümbel bot ihre Deutung an: „Ich bin Gott so wichtig, dass er seinen Sohn für mich gab. Der gekreuzigte Jesus ist ein Zeichen, dass Gott auf meiner Seite ist.“ Die Theologin berichtete aus einem Interview, in dem eine Christin ihr gesagt habe: „Ich möchte nicht, dass jemand für mich stirbt. Warum soll ich so schlecht sein, dass Gott seinen Sohn für mich opfern muss? Ich will das Opfer nicht!“ Frauen, so die Pfarrerin, wollten Gott nicht als Täter sehen, sondern den Tod Jesu aus dem Blickwinkel des Lebens verstehen, also von der Auferstehung her.

Problematisch sei nicht nur das Gottes-, sondern auch das Menschenbild beim Sühnetod: „Wir werden schwarz angestrichen in der Kirche, damit wir uns freuen können, dass Gott uns wieder weiß macht.“ Es sei vieles kaputt, aber nicht alles schlecht. „Gott sagt Ja zu uns, so wie wir sind, der Tod ist keine Bedingung seiner Liebe.“

Die Menschen, so Grümbel, krankten daran, dass sie nicht mit Gott versöhnt seien und nichts mit ihm zu tun haben wollten – nicht umgekehrt. „Wir werden nicht mit dem Leben fertig.“

Für Rolf Wischnath heißt das: „Gott versöhnt die Menschen mit sich selbst. Jesus ist für uns gestorben.“ Für uns in doppelter Bedeutung: an unserer Stelle und uns zu Gute.