Evangelischer Kirchenkreis Lübbecke

„Ihr fragt, warum wir traurige Lieder singen? Weil wir traurig sind!“


„Ankommen, innehalten, Ausschau halten nach einem Gott, der tröstet.“, so überschrieb die Sängerin Njieri Weth ihren musikalischen Abend in der Gehlenbecker St. Nikolauskirche. Und so war es auch. Eingeladen hatten das Hospitz Veritas anlässlich ihres 10-jährigen Bestehens und die Gehlenbecker Gruppe „Helfen und Begleiten“, die seit 20 Jahren Menschen begleitet und unterstützt. Der Liederabend war ein umfassendes Gebet am Vorabend des Sonntags „Rogate“ und das heißt „Betet!“



Die Konzertbesucher kamen an in der liebevoll gestalteten Kirche mit vielen Kerzen im Altarraum und konnten von Anfang an den Heimat gebenden Charakter der Kirche spüren. Nach einem meditativen Instrumentalstück von Markus Wentz überzeugte Weth vom ersten Ton an mit ihrer soulartigen Musicalstimme. Sie füllte den Raum mit feinen und zugleich kräftigen Tönen, wie beim „Your Winds“, dass sie gemeinsam mit den Musikern Markus Wentz am Piano und Jens Beckmann an den Percussioninstrumenten feinfühlig interpretierte.



Erschütternd kraftvoll durchdrang die Stimme in „Lass mich nicht los“ den Kirchraum und konfrontierte die Besucher mit dem Schrei einer Verzweifelten, die keine Wahl hat, außer sich in ihrer Not an einen möglichen Gott zu wenden. Es überraschte, wieviel Ton aus einem Menschen kommen kann. Gebete des evangelischen Theologen Dietrich Bonhoeffer vertieften die betende Haltung, die Schmerz und Trauer zulassen kann, weil sie an Gott gerichtet ist. Die warme Stimme öffnete Herzen und konnte sowohl Zartheit als auch Kraft ausdrücken.
Ihre kräftige Höhen hatten zuweilen eine solche Durchdringungskraft, dass sie Gläser hätten zerspringen lassen können.
Die Lieder öffneten die Herzen und ermöglichten einen Zugang zu einer persönlichen Berührung mit sich selbst. Es entstand ein intimer Raum, in dem eigene Traurigkeit auftauchen konnte. Manche wurden an die Frage Xavier Naidoos erinnert: „Ihr fragt, warum wir traurige Lieder singen? Weil wir traurig sind!“ Es gibt wenige Konzerte, in denen Menschen traurig sein dürfen, wenig Orte, die es - wie die Gehlenbecker Kirche- zulassen, dass Menschen mit ihrem Schmerz und ihrer Untröstlichkeit da sein dürfen, die sich nicht verbiegen müssen, um dazuzugehören.



Eine vom Pianisten gestaltete Meditation gab den Raum, um auf einer Postkarte einen Namen zu schreiben, an den man im Moment besonders denkt. Diese wurde im Anschluss vorgelesen. So waren die Menschen hineingenommen und fanden einen persönlichen Ausdruck, der durch das gemeinsame Singen des Bonhoefferliedes „Von guten Mächten“ noch einmal vertieft wurde.
Weth schloss mit dem Lied „Engelsschwingen“. Es endet mit den Worten: „Heilung kommt von Engelsschwingen, bedeckt mich mit Gnade. Licht scheint von seinem Anlitz. Bedingungslose Liebe. Halleluja“. In diesem letzten Halleluja sang nicht mehr Njieri Weth. Ob Gott selbst geantwortet hat?