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Wir waren mit einer Gruppe von Pfarrerinnen und Pfarrern zu Gast auf der Rettungswache in Minden, um uns die reibungslosen Arbeitsabläufe bei einem Feuerwehreinsatz erklären zu lassen. Jetzt stehen wir vor einem engen Schacht, in dessen Mitte eine Eisenstange zum sich Hinabgleiten lassen nach unten führt: für den Notfall der kürzeste und schnellste Weg zum einsatzbereiten Feuerwehrwagen. Als Kind wärst du bestimmt gerne daran runtergerutscht, denke ich, halte aber vorsichtigerweise den Mund. Denn unser Feuerwehrmann lädt uns nun mit den Worten „ist kinderleicht, kann gar nichts passieren“ ein, ihm nachzufolgen, springt ab und lässt sich an der Stange hinabgleiten. Zwei oder drei aus unserer Gruppe springen hinterher, einer zögert, fasst sich aber doch ein Herz und folgt ihnen...
Zu viert bleiben wir übrig. Ich schaue etwas betroffen in den Schacht. Wenn ich mir bei der Aktion ein Bein breche, höre ich mich jetzt schon sagen: „Wie konntest du bloß so dämlich sein und da runterspringen!“
Doch dann sehe ich klar: Sei ein Held und folge ihm nicht nach!
Wir nehmen also den sicheren Weg durchs Treppenhaus. Der dauert zwar etwas länger, aber schließlich wollen wir heute niemanden mehr retten müssen...
„Sei ein Held und folge ihm nicht!“ Diesen Satz hörte ich einmal in einer Radiosendung, wo er J. W. v. Goethe im Zusammenhang mit dem sog. „Werther-Effekt“ in den Mund gelegt wurde: Sein Roman „Die Leiden des jungen Werther“ von 1774 hatte nicht nur in Deutschland einen Sturm der Begeisterung und eine regelrechte „Werther“-Mode bis hin zu einigen Selbsttötungen ausgelöst. Goethe selber soll darüber so entsetzt gewesen sein, dass er sich mit jenem Aufruf an seine vornehmlich junge Leserschaft wandte, um Nachahmungen zu verhindern.
Was mich selbst in den vergangenen Wochen erschüttert hat, sind die Berichte über die Häufung schwerer Verkehrsunfälle, bei denen vor allem junge Menschen so schwer verletzt worden waren, dass sie starben. Wer Familienangehörige, Rettungskräfte und Polizeibeamte in diesen Wochen als Seelsorgerin und Seelsorger begleiten musste, ist nicht zu beneiden gewesen. „Was für ein scheiß Job!“ machte sich wütend ein Polizist, der um seine Fassung rang, Luft: „Warum werfen junge Menschen ihr Leben so leichtfertig weg? Diese Raserei hat nichts mit Mut zu tun! Das sind keine Helden!“
Immer wieder begleite ich Verkehrsopfer, manchmal auch Täter, und ihre Angehörigen und Freunde im Krankenhaus. Seelsorge geschieht oft im Verborgenen. Fassungslosigkeit, Traurigkeit, Verzweiflung und Wut finden ihren Raum, wenn die Begleitung gelingt. Aber manchmal hat die Geduld ein Ende:
„Wenn Sie Ihre Lebensweise und Ihre Fahrweise nicht ändern, werden Sie nicht im Bett sterben!“ sage ich zu einem notorischen Raser.
„Sind Sie ein Hellseher?“ fragt er mich dreist.
„Nein,“ entgegne ich: „Kein Hellseher. Aber Krankenhauspfarrer. Und ich hoffe für Ihre Mitmenschen, und für Sie, dass Sie in Zukunft klar sehen!“

Michael Waterböhr, Krankenhauspfarrer in Rahden und der LWL-Maßregelvollzugs-klinik Schloss Haldem