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Pfarrer Bernhard Laabs
Liebe Leserinnen und Leser,
Personen des öffentlichen Lebens scheinen entweder makellose Lichtgestalten ohne jeden Fehler zu sein, oder sie müssen sofort und von allen Ämtern zurücktreten. Dazwischen scheint es nichts zu geben.
Die einen tun nach einem Fehler so, als sei nichts passiert und versuchen, krampfhaft das schön längst bröckelnde Bild einer makellosen Erscheinung aufrecht zu erhalten. Andere treten gleich zurück, ehe sich die Öffentlichkeit das Maul zerreißt – und gehen damit einstweilen sicher den klügeren Weg. Die Spielregeln diktiert eine Meinungsbildung, die nur noch Extreme kennt. Entweder – Oder, schwarz oder weiß, gut oder schlecht – dazwischen gibt es nichts.
Schade! Jesus hat nämlich einen ganz andern Weg eingeschlagen. Er schafft eine Atmosphäre der Liebe, die nachgerade dazu einlädt, offen über die Verfehlungen der jüngeren oder späteren Vergangenheit zu sprechen. Im offenen Wort und im ehrlichen Eingeständnis von Schuld beginnt Vergebung. In der Liebe, die den eigentlichen Menschen hinter den dunklen Seiten seiner Lebensgeschichte sieht, nimmt Versöhnung ihren Anfang.
Die Ehebrecherin, die sie zu Jesus schleppten, musste nicht nur von allen Ämtern zurücktreten. Jesus sollte sie verurteilen. Aber er bringt ans Licht, dass sie nur eine brauchen, der sie ihre eigene Schuld anlasten können. Sie gehen in sich und zurück.
Vielen bei uns täte das auch gut: einen Schritt zurück und in sich zu gehen. Es gibt eben nicht nur die Alternative zwischen „Hui“ und „Pfui“.
Die Ehebrecherin bekommen einen neuen Anfang geschenkt. Frei von den Lasten der Vergangenheit. Sie muss nicht mehr zurücktreten, weil Jesus die anderen in die Schranken ihrer Schuld gewiesen hat. Diese Schranken halten sie so lange im Gefängnis ihrer Schuld gefangen, bis sie aufhören, sie immer nur bei anderen zu suchen und lautstark ihren Rücktritt zu fordern – so wie sie Jesus mit einem tausendfachen „Kreuzigt ihn!“ zum Rücktritt aufgefordert haben. Und dann hat Gott ihm in der Auferstehung den neuen Anfang geschenkt.
Ein guter Rücktritt ist der, der Gottes gutem Geist den Vortritt lässt – Gottes gutem Geist, der uns mit seiner Liebe berührt, damit wir unsere Fehler ein- und andern ihre Schwächen nachsehen, um das Miteinander in unserer Gesellschaft etwas harmonischer zu gestalten, ohne die einen zu fehlerlosen Lichtgestalten zu erheben und die anderen in Bausch und Bogen zu verdammen.
Bernhard Laabs