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WORTE DER BESINNUNG

Pfarrer Christoph Ovesiek
Die Vuvuzelas schweigen einen Augenblick und es geht ein Raunen durchs Stadion und auch durch unsere Fan-Meile am und im Gemeindehaus Tengern. Der Ball war drin. Einen halben Meter. Die Bilder des Fernsehens sind eindeutig. Aber der Schiedsrichter hat das Tor nicht gegeben – unfassbar. Was für eine Fehlentscheidung. Die Deutschen stöhnen erleichtert auf, die Engländer sind empört. Am Abend gesellen sich dann auch noch empörte Mexikaner dazu. Schon wieder eine Fehlentscheidung. Der argentinische Torschütze einen Meter im Abseits.
Heute spielen also nicht nur zwei erfolgreiche und wirklich gute Fußballmannschaften gegeneinander sondern auch Glückskinder, die zwar verdient aber auch mit der Hilfe von zwei happigen Fehlentscheidungen da sind, wo sie sind. Man diskutiert heftig, wie man es hinbekommt, dass es solche Fehlentscheidungen nie wieder geben kann.
Nun denken vielleicht einige von Ihnen, wie kann man sich über so etwas aufregen. Es ist doch nur ein Spiel. Und recht haben Sie! Aber deswegen lässt es sich ja gerade so genussvoll darüber aufregen, weil es eben nur ein Spiel ist.
Viel schwieriger ist, wenn so etwas im eigenen wirklichen Leben passiert. Und wenn es nicht so einfach ist, geschweige denn so eindeutig. Wenn da eine Grauzone des Zweifels ist und bleibt und an einem Menschen nagt. Es gibt im Leben ja schließlich keinen Videobeweis. Und wenn Entscheidungen anstehen, ist man doch oft genauso arm dran wie so ein einsamer Schiedsrichter, der sich in einem entscheidenden Moment auf das verlassen muss, was er sieht oder eben nicht sieht.
Genauso einsam wie ein Schiedsrichter? Genau das glaube ich nicht. Und das hat auch mit dem Sehen zu tun, aber nicht mit meinem. Da steht in der Bibel, im Psalm 32 etwas über Gott, ein Versprechen: Ich will dich mit meinen Augen leiten. Halt, werden Sie jetzt vielleicht sagen. Wie kommt es dann zu so vielen Fehlern und Fehlentwicklungen? Wenn das stimmen würde, dann täten wir doch immer das Richtige. Aber in diesem Satz ist ein besonderer Clou. Er ist an Menschen gesprochen, die sich ihrer Begrenztheit, ihrer Schuld und ihrer Fehler bewusst sind und die diese Seite ihres Lebens nicht ausklammern. Und das ist schon Teil der Therapie.
Wir sind fehlerhafte Geschöpfe, aber es gibt einen Gott, der uns kennt, besser als wir selbst. Wir sind angewiesen auf Vergebung und neue Chancen. Gott hat in Jesus übrigens gezeigt, dass er einer ist, der von Herzen gerne eine neue Chance einräumt. Dessen Liebe und Gnade allemal größer ist. Das nimmt alle Überheblichkeit, aber auch die Angst vor dem, was kommt.
Diese Wahrheit ist natürlich unendlich wichtiger als die Frage, wer heute – hoffentlich ohne die Hilfe von Fehlentscheidungen – gewinnt. Aber schön wäre so ein 3:2 nach Verlängerung schon.
Christoph Ovesiek
Pastor in Tengern
P.S.: Vielleicht sehen wir uns ja sogar auf der Fan-Meile in Tengern.
Christoph Ovesiek