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Ewald Kröger
Das Geschenk der Freiheit
Da saß ich nun, allein in einer Zelle eingesperrt im Grenzgebäude am Bahnhof Friedrichstraße in Ostberlin. Zuvor hatte ich alle Taschen zu leeren. Taschen, die sich in meiner Kleidung befanden, wurden von innen nach außen gezogen. Natürlich wurde auch mein Portmonee gänzlich ausgekehrt. Meine Papiere hatte der Grenzbeamte mitgenommen. Ich fühlte mich ohnmächtig und entrechtet.
Am Morgen des Tages war ich mit Jugendlichen aus Hüllhorst von Westberlin nach Ostberlin aufgebrochen. Dort trafen wir, wie schon so oft, Jugendliche aus der Partnergemeinde. Nachmittags waren wir gemeinsam „Unter den Linden“, nicht unweit von Mauer und Stacheldraht, spazieren gegangen. Abends hatten wir uns an der Grenzabfertigungsstelle, am sogenannten „Tränenpalast“, pünktlich verabschiedet.
An der ersten Passkontrolle wurde ich, noch ehe der Grenzposten meinen Reisepass richtig lesen konnte, abgefangen und persönlich angesprochen: „Kommen sie doch mal mit, Herr Kröger!“ Als Jugendleiter hatte ich offenbar bei den Volkspolizisten besondere Aufmerksamkeit. Zum Glück wurde ich nach einer gewissen Zeit mit meinem Reisepass wieder freigelassen. Aber die beklemmenden Momente an der deutsch-deutschen Grenze und in der DDR überhaupt, sind unvergessen. Immer dann, wenn ich den Boden in Westdeutschland wieder betreten konnte, war es mir möglich, wieder frei durchzuatmen. Längst sind diese Zeiten vorbei, über 16 Millionen Deutsche, eingesperrt in gut 100.000 Quadratkilometer, um sie für eine angeblich bessere Welt zu erziehen und sie vor der „bösen“ westlichen Welt zu bewahren. Seit nunmehr 20 Jahren sind wir wieder in Frieden und Freiheit vereint. Für jene Kirchengemeinden, die Sonntag für Sonntag in ihren Gottesdiensten in den Fürbitten um die Wiedervereinigung unseres Volkes ohne Blutvergießen beteten, war es damals in besonderer Weise ein Geschenk Gottes.
Morgen ist neben dem Erntedankfest wieder der Tag der Deutschen Einheit. Das ist doppelter Grund zur Dankbarkeit. Nicht nur Wachstum und Gedeihen sind göttlichen Ursprungs, auch die Freiheit gehört dazu. Die Bibel enthält viele Befreiungsgeschichten.
Der Gott der Bibel ist ein Gott der Freiheit und nicht der Unterwerfung. Sehr eindrücklich, ja geradezu archetypisch, ist im Alten Testament die Befreiung Israels aus der Knechtschaft Ägyptens. Im Neuen Testament finden Gottes Befreiungsgeschichten in Jesus Christus ihre Zuspitzung. Er kann von sich sagen: „Wenn nun der Sohn euch frei macht, seit ihr wirklich frei.“(Johannes 8, 36)
Aber an der Geschichte Gottes mit seinem Volk Israel wird auch deutlich, dass das Geschenk der Freiheit, in der Verantwortung vor dem gelebt werden will, der der Geber aller guten Gaben ist. Wo Gabe und Geber voneinander getrennt werden, zerrinnt uns die Freiheit wie Sand zwischen den Fingern. Freiheit kann zum Fluch werden. Werden wir uns das Geschenk der Freiheit bewahren?
Für den morgigen Sonntag wünsche ich Ihnen viele Gründe, um dankbar sein zu können. Wir in unserer Familie freuen uns auf den Besuch unserer ältesten Tochter mit deutsch-deutschen Enkelkindern aus Sachsen.