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Pfarrer Dr. Rolf Becker
(Superintendent des Kirchenkreises Lübbecke)
Es ist wieder Zeit, Bilanz zu ziehen. Bin ich zufrieden mit dem, was ich tue oder getan habe? Ist mein Leben, so wie ich es führe, sinnerfüllt? – Ein Kollege erzählte dazu folgendes Märchen: Es war einmal ein junger Mann, der wollte seine Liebste treffen. Er war ungeduldig und viel zu früh gekommen. Und er verstand sich schlecht aufs Warten. Er warf sich unter einen Baum und haderte mit sich und der Welt. Da stand plötzlich ein Männlein vor ihm: „Nimm diesen Knopf und nähe ihn an deine Jacke. Wenn du auf etwas wartest und dir die Zeit zu langsam geht, dann drehst du den Knopf nach rechts, und du springst über die Zeit hinweg bis dahin, wo du willst.“ Der Mann nahm den Knopf und drehte: und schon stand die Liebste vor ihm. „Das ist schön“, dachte er, „aber mir wäre es lieber, wenn schon Hochzeit wäre“. Er drehte und saß mit ihr beim Hochzeitsessen. „Wenn wir doch schon allein wären!“ Er drehte und es war Nacht. Und dann sprach er über seine Pläne: „Wenn unser neues Haus erst fertig ist!“ Er drehte und es geschah. „Jetzt fehlen uns noch die Kinder“, und drehte schnell am Knopf: Da war er schon älter, hatte seine Kinder auf den Knien und Neues im Sinn und konnte es nicht erwarten. Und drehte, drehte, dass das Leben an ihm vorbei sprang, und ehe er sichs’s versah, lag er auf dem Sterbebett. Nun hatte er nichts mehr zu drehen und blickte hinter sich. Er hatte sich das Warten erspart und nur die Erfüllung genossen, wie man Rosinen aus einem Napfkuchen nascht. Nun, da sein Leben verrauscht war, erkannte er, dass auch das Warten des Lebens wert ist und erst die Erfüllung würzt. Was gäbe er darum, wenn er die Zeit ein wenig rückwärts schrauben könnte! Zitternd versuchte er, den Knopf nach links zu drehen. Da gab es einen Ruck, er wachte auf und lag noch immer unter dem Baum und wartete auf die Liebste. Aber jetzt hatte er das Warten gelernt. – Auch ich kenne Zeiten und Situationen, wo ich mich auf etwas Schönes freue oder unter Belastendem leide und Zeiten überspringen will: „Ach, wenn doch schon …!“Aber übersprungene Zeiten sind ungelebte Zeiten. – Zu Beginn oben stand die Frage: „Ist mein Leben, so wie ich es führe, sinnerfüllt? Das Wort „Sinn“ ist von einem Verb abgeleitet, das „unterwegs sein“ bedeutet. Wir entdecken das wieder in Wörtern wie „Uhrzeigersinn“, das eine Bewegung beinhaltet, oder „Gesinde“, das ursprünglich die Menschen meinte, die einen auf der Reise begleiten. Nach dem Sinn fragen, meint also: sein Leben als ein Unterwegssein zu begreifen in der Achtsamkeit für das Gegenwärtige. Ich spüre eine große Nähe zu jenem Wort aus der Bibel, wo Jesus von sich sagt: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben!“ – Ich wünsche Ihnen ein sinn-volles Jahr 2011!