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Christine Scheele, Öffentlichkeitsbeauftragte
Ich spüre nichts!
„Ich spüre nichts“, sagte die Frau. „Mehrmals war ich im Gottesdienst, seit es passiert ist. Aber das hilft mir nicht. Ich spüre nichts von Gott. Ich weiß nicht, wie es mit mir weitergehen soll. Will er mich bestrafen? Warum muss ich das alles durchmachen?“
Trauer, Zorn und Verzweiflung kann man mit klugen Gedanken und treuherzigen Vorschlägen nicht beikommen. Trauer frisst die Lebenszeit und verdunkelt alle Perspektiven. Sie stellt in Frage, was bisher sinnvoll war. Und Gott? Er ist nicht gekränkt, wenn tief verletzte Menschen über ihn klagen. Gott kann aushalten, was für Menschen, die andere trösten wollen, schwer ist: Er nimmt auf bei sich, was man ihm vorwirft. Er hört Schmerz, Angst und Zorn aus der Perspektive dessen, der Mensch geworden ist, der genau weiß, worum es geht. Bei ihm sind wir mit unserem Leid an der richtigen Adresse. Er will sich von uns fragen lassen: „Wie konntest du das zulassen?“ Nur ein wahrer Gott, ein ernstes und nahes Gegenüber ist überhaupt der Rede wert. Er ist uns näher als wir uns selbst oft sind. Er hört die Stille derer, die verzweifelt schweigen von allem tief erschöpft. Gott spürt uns auf, wenn wir ihn und uns nicht mehr finden können.
„Wache auf, Herr! Warum schläfst du? Werde wach und verstoß’ uns nicht für immer! Mache dich auf, hilf uns und erlöse uns um deiner Güte willen!“ Psalm 44, 24+27
Am Ewigkeitssonntag kommen Menschen zusammen, die in diesem Jahr jemanden verloren haben. Manchen geht es so, wie dieser Frau, andere können durch andere Menschen die Nähe Gottes deutlich spüren und sind dankbar. Ganz gleich, ob mit Vorwürfen, Zorn, Verzweiflung oder Dankbarkeit, Gott hört nicht auf, für den Menschen da zu sein, ganz gleich, was wir fühlen.
Es tut weh, loszulassen. Einen Menschen, den man lieber hatte als sich selbst, gehen zu lassen ist schwer. Eine schwere Krankheit lässt alles selbstverständliche aus den Fugen geraten. Aber auch anderes Vertraute und Liebgewonnene gehen zu lassen, ist bitter. Das Leben trennt uns immer wieder, von Selbstverständlichkeiten, von andern Menschen, von falschen Hoffnungen und falschen Wünschen. Wenn ich aber gehen lasse, was gehen will, kann kommen, was kommen will. Gott ist im Wandel. Er gibt dabei jedem seine Zeit, für diesen Wandel bereit zu werden. Wer am Sonntag in Espelkamp das Konzert besucht, kann vielleicht ein Gefühl dafür bekommen, wie Reqiem und Magnificat zusammengehören. Ewigkeitssonntag und Advent, Tod und Neuanfang, Verzweiflung und Lob rücken ganz nah zueinander. In Gott endet Leben nie! Da bin ich sicher.