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Gerda Gödde
Pfarrerin in Stemwede-Dielingen
Hätte ich mir doch nicht dieses Video im Internet angesehen! Schwere Noten zum Üben hatten wir im Orchester bekommen. Zu Hause war ich an den Schwierigkeiten der Geigenstimme gescheitert. Vielleicht, so dachte ich, hilft es, wenn ich mir mal anhören kann, wie es eigentlich klingen sollte. Im Internet fand ich dann dieses Video: Ein Jugendorchester mit lauter festlich gekleideten, hoch konzentrierten Kindern und Jugendlichen spielte mit großer Leichtigkeit das Stück, als wäre es ganz einfach.
Zugegeben, es klang richtig schön. Aber schnell war mir klar: So schön werde ich dieses Stück nie spielen können; und ich war kurz davor aufzugeben.
So geht es mit dem Glauben auch manchmal: Da nehme ich mir Jesus zum Vorbild, will lieben wie er, ohne Vorurteile sein, für jeden Zeit haben – und scheitere kläglich.
Ich kann nicht lieben wie Jesus. Ich übersehe oft die Menschen am Rande. Und dann stellen mir Menschen Fragen, die sie bedrängen – ich weiß keine Antwort.
Auch hier frage ich mich: Sollte ich nicht lieber aufgeben? Sollte ich vielleicht aufhören, mich einen Christen zu nennen, wenn ich doch die Vollkommenheit nie erreichen werde, mit der Christus gelebt hat?
Unvollkommen wie ich bin, bin ich mit meiner schlecht geübten Geigenstimme zur Orchesterprobe gegangen – und stellte fest: Auch die anderen waren beim Üben zunehmend ratlos geworden. Unser Dirigent stand vor der schier unlösbaren Aufgabe, uns zu zeigen, wie wir dieses Orchesterwerk dennoch so spielen könnten, dass man uns gerne zuhören würde.
Er ist ein guter Dirigent, ein sehr geduldiger dazu. Wieder und wieder erklärte er, was wir nicht verstanden hatten; er wurde nicht müde, uns vorzusingen, wie die Noten klingen sollten; er blieb auch nach zahlreichen Fehlversuchen bei seiner Mut machenden Haltung.
Und – am Ende der Probe schließlich hatten wir es geschafft: Im Zusammenklang ließ sich die Schönheit des Stückes erahnen. Mit neuem Mut konnten wir zu Hause ans Üben gehen.
Wie viel Geduld muss wohl Jesus aufbringen, wenn er auf unser unvollkommenes Leben sieht? Und doch gibt er uns nicht auf. Er gibt auch dem größten Versager noch eine Chance, getreu seinem Wort: „Die Gesunden brauchen den Arzt nicht, sondern die Kranken.“ Jesu Geduld mit uns hat kein Ende.
Ob ich im Konzert das schwere Werk werde vollkommen spielen können – ich weiß es nicht. Aber im Leben, da darf ich mich darauf verlassen, dass Jesus meine Unvollkommenheit in seiner Vollkommenheit aufnehmen und das fehlende selbst ergänzen wird. Gut zu wissen!