
Sie befinden sich hier: / Wir für Sie / Archiv Worte der Besinnung / Worte der Besinnung 2010

Ralf Finkeldey, Pfarrer in Dielingen und Levern
Er saß schon eine ganze Weile auf dem harten Sitz im halboffenen Bushäuschen und wartete auf die Ankunft seines Busses. Eilig hatte er es nicht, Zeit war nicht sein Problem. Und so sah er sich in aller Ruhe die Autos an, wie sie möglichst schnell vorbei fuhren und auch die Menschen bewegten sich eilig, um der Kälte zu entkommen.
Wir Menschen sind immer im Stress, dachte er bei sich. Wenn wir nichts zu tun haben, werden wir unzufrieden. Wir mögen lieber Hektik als Leerlauf, die Bewegung scheint mehr Sinn zu machen als der Stillstand.
Dabei stehen oder sitzen wir oftmals einfach bewegungslos herum und warten. Im Augenblick wartete er auf den Bus, heute Morgen im Wartezimmer, dass sein Name aufgerufen wurde und er zum Arzt vordringen konnte. Als er im Sprechzimmer saß, wartete er auf den Arzt und auf die Ergebnisse der Untersuchungen. Ein wenig kribbelte es dabei im Bauch, denn man weiß ja nie....
Und auch die eiligen Menschen in all den Autos warten vor den roten Ampeln oder im Stau, bis sie endlich weiter fahren können.
Worauf warten die Menschen eigentlich, wenn sie abends bewegungslos vor dem Fernseher sitzen und auf die bewegten Bilder schauen? Darauf wusste er keine Antwort.
Über das Warten kam er ins Grübeln. Als Kind kann man es nicht erwarten, endlich erwachsen zu werden. Als Erwachsener sehnt man sich nach der großen Liebe. Als älterer Mensch kann man es gar nicht erwarten, bis es endlich in Rente geht.
Und wenn das Warten ein Sinnbild für sein Leben wäre?
Ihm kam der Gedanke, dass es von seinem Dasein nicht zu trennen ist.
Auf alles Wichtige in seinem Leben hatte er warten müssen, bis es so weit war und die Zeit sich erfüllt hatte.
Lange Monate hatten sie auf die Geburt der Kinder gewartet. Lange, erfüllte Jahre bis die Kinder groß waren und aus dem Haus gingen.
Als er sich unter den davon huschenden Menschen umschaute, empfand er es als eine Kunst, warten zu können. Es ist etwas, das man im Leben lernen muss. Das Warten gehört zum Neuen dazu, denn alles hat seine Zeit.
Die Adventszeit allerdings war mächtig aus den Fugen geraten. So als könnten die Menschen es nicht erwarten, bis es endlich soweit ist. Dabei wussten sie doch, dass Weihnachten kommt, so wie jedes Jahr. Und das Warten auf dieses Fest machte es doch umso schöner. Die Vorfreude war mindestens so groß, wie die Freude an Weihnachten selber. Und er erinnerte sich an seine Kindheit, wie sie vor der guten Stube auf die Bescherung warteten, während drinnen die Kerzen am Weihnachtsbaum angesteckt wurden. Das waren die schönsten Erinnerungen an Weihnachten, und er hatte sie unbedingt an seine Kinder weiter geben wollen.
Worauf wartete er jetzt noch – außer auf den Bus?
Ganz einfach, sagte er sich: auf Weihnachten! Jedes Jahr gleich und doch immer wieder neu und anders.
Und er freute sich besonders auf das neue Jahr. Auf all das, was es ihm bringen und bieten würde. Er konnte es kaum erwarten, bis es soweit war. Und das steigerte seine Vorfreude noch einmal ganz mächtig.