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Ich bin
ungern jemandem etwas schuldig. Es fällt mir schwer, Hilfe anzunehmen, auch
wenn ich sie brauche. Ich mache lieber vieles selber. Aber Gott sei Dank ist
das Leben nicht so. Denn wer niemandem etwas schuldig bleibt, wer keine Hilfe
annimmt und lieber alles alleine macht, der macht sich einsam. Wenn ich tiefer
frage, warum es mir schwer fällt, mir helfen zu lassen, dann taucht etwas
anderes auf. Ich will mir nicht helfen lassen, weil ich bestimmen will, weil
das Leben so gehen soll, wie ich mir das vorstelle, weil ich es besser weiß.
Aber weiß ich es immer besser? Kann ich alles alleine? Lebe ich so, dass ich
niemandem etwas schulde? In meinem Leben wurde ich oft dahin geführt, wohin ich
nicht wollte, haben mir Menschen geholfen, auf die ich nicht angewiesen sein
wollte, habe ich Fehler gemacht, weil ich es eben nicht besser wusste. Erst die
kleinen und großen Erfahrungen von Scheitern haben mich dankbar gemacht. Und
daran denke ich am Erntedankfest. Ich bin dankbar für mein Leben, dankbar
dafür, dass Menschen zu mir stehen, wenn es schwer ist, dass ich eine Arbeit
tun darf, die mich erfüllt und begeistert, dass ich Liebe erfahre, die mein
ganzes Herz berührt. Auch wenn ich nicht mit dem Kopf durch die Wand gehe, wenn
es oft nicht so geht, wie ich es will, wenn Begegnungen Auseinandersetzungen
und Kompromisse erfordern, das Leben unbequem ist, ich mache die Erfahrung,
dass ich in Gottes Liebe geborgen bin. Darum bin ich dankbar für mein ganzes
Leben. Auch für das, was ich anders wollte und nicht bekam, wo ich scheiterte,
wo ich etwas schuldig blieb, schuldig wurde. Diese Erfahrungen sind sozusagen
die Ernte, die ich jetzt einfahre. Ich bin dankbar für meine Eltern, die mich
mit Liebe und Charme groß werden ließen, dankbar für meine Familie, die mich
unterstützt, dankbar für Freunde, die zu mir stehen, dankbar für die Liebe, die
mich immer reifer werden lässt. Ich bin aber auch dankbar für den Wald, der
mich immer wieder erinnert, wie still es sein kann. Für das Moor, das jetzt so
wunderbar riecht. Und ich bin dankbar für die vielen Menschen im Alltag. Ob das
die geduldige Klarinettenlehrerin ist oder Frau Meier im Edeka , die oft ein
freundliches Wort haben, die Sekretärin im Büro. Die Liste ist lang. Ohne die
Kassiererinnen im Supermarkt, an der Tankstelle, die Serviererin im Jahnke wäre
es nicht so freundlich. Erntedank bietet die Gelegenheit, sich zu erinnern,
wieviel Gutes uns widerfährt. Darauf haben wir kein Recht, wir können es nicht
einklagen, wir dürfen uns aber daran freuen. Beim Taizégebet singen wir oft:
„Gott ist nur Liebe. Wag für die Liebe, alles zu geben. Gott ist nur Liebe. Gib
dich ohne Furcht.“ Singen Sie dankbar mit!