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Der, die oder das Fremde
Liebe Leserin, lieber Leser,
Wie oft sprechen wir das Wort „fremd“ aus? In welchen
Situationen benutzen wir es? Verbinden wir mit ihm eher positive oder eher
negative Gefühle? Macht uns das Fremde neugierig oder stößt es uns ab? Oder
kann ich sogar soweit gehen, dass ich spüre, dass das Fremde am Anderen
eigentlich die Orte in mir sind, die mir fremd sind? Erlebe ich am Fremden mein
eigenes Fremd-Sein mir selbst gegenüber? weist mich auf Dinge in mir hin, die
mich unsicher machen oder die ich gar nicht sehen will?
Im Zusammenhang mit der Vorbereitung unseres
Partnerschaftsgottesdienstes am kommenden Sonntag bin ich dem Fremden begegnet. Wir vom Kreativ-Team sind gewohnt, dass sich Gottesdienste frei, von innen
heraus entwickeln.
Und so fügte es sich, dass ich im Haus des Ehepaares Flore/Weifen-Flore
einem fremden Mann gegenüberstehe. Er kommt aus Sierra Leone und heißt Jaiah
Kermokai. Ich spreche Englisch, bin unsicherer als sonst, versuche
fest in die Augen zu schauen und ich spüre dieses Fremde in mir. Ein Christ hat
doch keine Denkschablonen – habe ich doch!
Wie oft habe ich von Jesus Christus
erzählt, wie offen und liebevoll er Fremden begegnet ist – was bin ich doch
klein! Und Jaiah lacht mich an, sagt mir, er macht mit in unserem gemeinsamen Gottesdienst.
Jaiah wird dann von sich erzählen, uns vor- ja! mit uns trommeln, uns ein
afrikanisches Lied singen und mit der Gemeinde einen Gospel „N´kosi Sikelel´i
Afrika“ lernen. Und all die Kleininstrumente, die wir in Gruppen während des
Gottesdienstes gebastelt haben, kommen dann zum Einsatz.
Wird unsere Gottesdienstgemeinde auf diesen offenen,
freundlichen und lachenden Jaiah eingehen und sich von seiner Lebendigkeit
mitreißen lassen? Werden wir seine Herzlichkeit annehmen und sein Fremd-Sein
positiv wahrnehmen? Jaiah schenkt ohne nach Sicherheit zu fragen sein
Vertrauen. Obwohl er das ja kennt, was Gunther Wallraff auf seiner
Deutschlandtour als „Schwarzer“ erfahren hat. Ich freue mich und danke Gott,
dass wir im Fremden dem Fremden wie auch uns selbst begegnen. Und dieses
Begegnen ist Gemeinschaft, Gottesdienst. Ihnen liebe Leser einen gesegneten Sonntag
Pfarrer
Michael Welters