
Sie befinden sich hier: / Wir für Sie / Archiv Worte der Besinnung / Worte der Besinnung 2009

Kürbis mit Lutherrose
Ein modernes, frisches Video bei You tube versucht mit Wolfgang Huber eine Antwort.
Herr Buß, die Medien schwärmen von Ihrer neuen Ratsvorsitzenden. Als „Königin der Herzen“, gar als „Päpstin der Protestanten“ wurde Margot Käßmann beschrieben. Macht Ihnen dieser Medienrummel Angst?
PRÄSES ALFRED BUß: Nein, warum? Verglichen mit dem Wind, den die Medien 2005 um den Papst gemacht haben, ist das alles nur ein schwaches Lüftchen. Wir sind dankbar, dass jetzt eine Persönlichkeit an der Spitze der Evangelischen Kirche in Deutschland steht, die die Herzen der Menschen erreichen kann. Außerdem kann Bischöfin Käßmann auch leiten – kollegial und demokratisch, wie das bei uns Protestanten üblich ist. Deshalb brauchen wir weder Papst noch Päpstin.
Die Herausforderungen, vor denen die evangelische Kirche in Deutschland, aber auch in Westfalen steht, sind gewaltig. Margot Käßmann hat angekündigt, sie wolle den begonnenen Reformprozess fortsetzen, aber auch „auf die Füße stellen“. Was heißt das, und was bedeutet das für die westfälische Kirche?
BUß: Wir konnten in Westfalen Reformerfahrungen sammeln, von denen manche das spätere EKD-Projekt „Kirche der Freiheit“ befruchtet haben. Diese Erfahrungen lehren uns: Margot Käßmann hat recht. Reformen sind erfolgreich, wenn die Beteiligten in den Gemeinden sie als ihre ureigene Aufgabe empfinden. Überall in Westfalen sind die Gemeinden derzeit dabei, maßgeschneiderte Konzeptionen für sich zu entwickeln, und zwar im Zusammenspiel mit den Nachbargemeinden. Da wird vielleicht gefragt: Unsere Orgel muss für teures Geld renoviert werden – brauchen wir, wo doch die Nachbarkirche einen starken musikalischen Schwerpunkt hat, überhaupt so ein großes Instrument? Bis 2010 werden 80 Prozent aller 546 Gemeinden eine Konzeption haben.
Vor einem Jahr haben Sie Ihre Landessynode darauf hingewiesen, dass die Kirche ganze Bevölkerungsschichten nicht oder kaum erreicht. Wie kann sich die evangelische Kirche, die doch alle Menschen ansprechen will, aus der Gefangenschaft der immer gleichen Milieus befreien?
BUß: Indem sie neue, ungewöhnliche Formen wagt, ohne gleichzeitig den Grund, auf dem wir stehen, zu verlassen. Das ist nicht auf die Ortsgemeinde begrenzt. Schon lange gibt es den kirchlichen Dienst in der Arbeitswelt, die Sozialpfarrer, die evangelischen Akademien. Und es gibt neue Gemeindeformen wie die Jugendkirchen, auch in Bielefeld. Es gibt hoffnungsvolle Aufbrüche wie die Nacht der offenen Kirchen. Aber es stimmt auch: Immer noch tun wir viel für wenige und wenig für viele. Das zu ändern ist ein langer Prozess.
Konkret gefragt: In welcher Kirche fühlten Sie sich eher angesprochen: bei einem Gottesdienst in Bielefeld oder im New Yorker Stadtteil Harlem?
BUß: Nun ja, Harlem lässt sich nicht nach Ostwestfalen verpflanzen – aber auch in Bielefeld erlebe ich emotional ansprechende Gottesdienste, eben nicht nur für den Verstand, sondern auch für Herz, Mund und Hände. Das gilt auch für andere Veranstaltungen: Mit dem Pop-Oratorium „Die 10 Gebote“ von Peter Falk werden wir einen fulminanten Auftakt zur Kulturhauptstadt Ruhr 2010 setzen. Zur Uraufführung in den Dortmunder Westfalenhallen im Januar sind übrigens schon über zwei Drittel der Eintrittskarten verkauft.
Dass nun zwei Frauen an der Spitze des deutschen Protestantismus stehen, ist „wunderbar normal evangelisch“, sagte eine dieser beiden Frauen, die EKD-Synodalpräses Kathrin Göring-Eckardt. Sind die Frauen in der evangelischen Kirche heute in Theorie und Praxis wirklich gleichberechtigt?
BUß: In der Theorie: ja, schon lange. In der Praxis sind Frauen noch nicht überall gleichermaßen in verantwortlicher Position. Das ändert sich jetzt. Wie schnell, ist schon allein an den Zahlen unseres theologischen Nachwuchses abzulesen: Es studieren mehr Frauen als Männer Theologie.
Die Wahl der hannoverschen Landesbischöfin Margot Käßmann zur Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) hat ein großes Echo gefunden. Welche Perspektiven sich mit dieser Wahl verbinden, darüber sprach Bernhard Hänel vor dem Reformationstag mit dem Präses der westfälischen Landeskirche, Alfred Buß.