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VON SIGURD GRINGEL
Lübbecke. In Deutschland leben etwa 67.000 Menschen mit dem HI-Virus, das AIDS auslösen kann. Tendenz steigend. Diese Zahl verschleiert die weltweite Bedeutung der Immunschwäche-Krankheit. Der Lübbecker Krankenhauspfarrer Paul Alexander Lipinski (55) bereiste im September das von AIDS geplagte Namibia, um sich ein Bild zu machen.
Der Wüstenstaat im Süden Afrikas zählt zu den am stärksten betroffenen Ländern. Fast jeder Fünfte der 2,1 Millionen Einwohner ist mit dem HI-Virus infiziert. Die Infektionsrate ist seit einigen Jahren dank diverser Aufklärungsprogramme rückläufig – wenn auch immer noch auf hohem Niveau.
In Deutschland nimmt sie wieder zu: Pro Jahr werden rund 2.800 Menschen positiv auf HIV getestet. Der evangelische Pfarrer Paul Alexander Lipinski engagiert sich seit 2007 im bundesweiten „Netzwerk Kirchliche AIDS-Seelsorge“.
Die Krankheit begegnete ihm bereits in den 80er Jahren. „Ich habe damals viele Bekannte durch AIDS verloren“, sagt er und reagiert mit Unverständnis auf die Leichtfertigkeit im Umgang mit dieser Bedrohung. Zum Beispiel durch ungeschützten Sex. Der konkrete Anlass, sich wieder intensiv mit der AIDS-Gefahr auseinanderzusetzen, war ein Selbstmordversuch eines infizierten Krankenhaus-Patienten in Lübbecke.
Bei der Aufklärung solle die Kirche eine tragende Rolle einnehmen. „Die Kirche muss zur Enttabuisierung beitragen“, fordert Pfarrer Lipinski. Um dieses Thema drehte sich das Namibia-Seminar. Die konkrete Frage lautete, wie die Kirche eine HIV- und AIDS-kompetente Kirche werden könne. Zusammen mit elf Kollegen aus dem Rheinland und Westfalen und elf namibischen Pfarrern widmete sich der Seelsorger aus Lübbecke intensiver theologischer Bibelarbeit, hörte Vorträge – speziell zum Thema Kindersterblichkeit und Armut – und besuchte Ärzte in der Region, die täglich mit AIDS konfrontiert werden.
„Medikamente sind vorhanden, das Problem ist die Erreichbarkeit“, schildert Lipinski. So kommen betroffene Familien gar nicht erst in die Kliniken. Anders als in Deutschland, wo etwa 80 Prozent der Infizierten Männer sind, werden in Namibia vor allem Frauen in den Statistiken geführt. Allerdings ist die Dunkelziffer bei den Männern hoch, denn viele lassen sich nicht auf HIV untersuchen, obwohl mittlerweile ein staatliches Schnelltest-Programm („Sei stark, lass dich testen“) existiert. Die Kinder fallen aus den amtlichen Zahlen fast komplett heraus. „Sie sterben nicht an AIDS, sondern schon früher an Armut“, erklärt Pfarrer Lipinski.
Besonders beeindruckt haben ihn der namibische Peter-Beier-Preisträger Bischof Zephania Kameeta und Pfarrerin Phumzile Zondi-Mabizela, die seit 1999 mit HIV infiziert ist. So hat er erlebt, wie sie charismatisch von der Kanzel vor hunderten Gläubigen predigte: „Uns gibt es in der Kirche – wir sind die Kirche.“ Ein derartiges Selbstbewusstsein wünscht er sich auch in der deutschen Kirche. Gäbe ein Pfarrer sich als HIV-positiv zu erkennen, „käme das einer Revolution gleich“.
Lipinski, der sich als homosexueller Pfarrer in einer festen Partnerschaft selbst oft wie ein Exot vorkommt, fordert eine klare Solidarisierung. „Wir müssen endlich der Realität ins Auge schauen. Es gibt auch Homosexuelle, Bisexuelle und Transsexuelle in unserer Kirche“, sagt er. „Wir müssen im Gottesdienst das Tabu des Verschweigens brechen. Die subtilste Form der Stigmatisierung ist die Ignoranz.“
HIV-Infektionen nehmen zu
Das Gesundheitsamt des Mühlenkreises bietet seit 1999 anonyme HIV-Tests an. Seit 2006 steigen die Untersuchungszahlen an.
Im Jahr 2009 war einer von 151 Tests positiv, seit dem Jahr 2000 sind insgesamt 1.373 Tests durchgeführt worden, von denen acht positiv ausfielen. Im Regierungsbezirk Detmold wurden 2009 insgesamt 51 HIV-Neudiagnosen gestellt, 2001 lag die Zahl der Infektionen bei 14, teilt Susanne Glasmacher vom Robert-Koch-Instituts mit. (ari)
Grundeinkommen mindert Armut
Ein internationaler Aktionstag (17. Oktober) hat auf die Beseitigung der Armut aufmerksam gemacht.
Auch in Namibia ist Armut ein großes Problem. Obwohl das Land dank seiner Bodenschätze, der Fischzucht und des Tourismus eines der höchsten Pro-Kopf-Einkommen Afrikas aufweist, lebt laut dem Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen mehr als die Hälfte der Bevölkerung unter der Armutsschwelle. Eine finanzielle Grundsicherung könnte die Lage entschärfen, meint die evangelisch-lutherische Kirche in Namibia. Zwei Jahre lang lief das Pilotprojekt BIG (Basic Income Grant), das den Einwohnern des Dorfes Otjivera ein bedingungsloses Grundeinkommen sichert. Bedingungslos, weil es nicht an Auflagen gebunden ist.
2010 wurde das Projekt verlängert, allerdings mit einer niedrigeren finanziellen Unterstützung. 80 Namibia Dollar, das entspricht 8,83 Euro, werden monatlich pro Kopf ausgezahlt, damit können die Bewohner machen, was sie wollen.
Pfarrer Lipinski konnte vor Ort die Erfolge wahrnehmen: Die Menschen hungern nicht mehr, die Kriminalität und Prostitution ist deutlich zurückgegangen, das Schulgeld für Kinder kann bezahlt, Häuser können renoviert und kleine Geschäfte eröffnet werden.
Eine landesweite Förderung ist trotzdem nicht in Sicht, obgleich sie den Staatshaushalt nur mit etwa fünf Prozent belasten würde. (gri)