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STEMWEDE/RAHDEN (on) Noch bis vor 50 Jahren war es in den Dörfern in Stemwede und Rahden üblich, dass die meisten Kinder zu Hause geboren wurden. Nur, wenn es mit der Geburt Probleme gab, wurde die Mutter auf Anraten der Hebamme in ein Krankenhaus gebracht oder ein Arzt hinzu gezogen.
Die Hebamme hatte im Dorf eine große Bedeutung und nahm damit eine entsprechende gesellschaftliche Stellung ein. Sie betreute die werdende Mutter, stand ihr mit Rat und Tat zur Seite und war rechtzeitig zur Stelle, um dem jungen Erdenbürger ins Leben zu verhelfen. Der Beruf der Hebamme stand unter staatlicher Aufsicht, besonders durch die Amtsärzte.
Wie bei Hochzeiten und Beerdigungen, war bei der Geburt eines Kindes die Nachbarschaftshilfe gefragt. Die Nachbarn wurden als erste über das frohe Ereignis informiert und überbrachten dann die Nachricht an die Verwandten und Bekannten Sie wurden, so war es vielerorts Sitte, dafür mit einem Geldstück und einem Schnaps belohnt.
Es gehörte für ein junges Elternpaar zur Selbstverständlichkeit, bei der Namensgebung eines Kindes die Vornamen der Eltern und bei der Auswahl der Paten die Großeltern zu berücksichtigen. So kam es öfter vor, das mehrere Generationen hindurch auf den Höfen, Männer wie Frauen, den gleichen Vornamen trugen. Um Alt und Jung unterscheiden zu können, wurden dann die Rufnamen abgewandelt. So zum Beispiel Heinrich in Heini, Wilhelm in Willi und August in Gust, bei den Frauen auch wohl Karoline in Line oder Minna in Mintken.
Es war das Bestreben der Eltern, ihr Kind möglichst schnell taufen zu lassen, damit es nicht als Heide irgend ein Ungemach erleiden musste. Die Mutter durfte bis zur Taufe ihres Kindes das Haus nicht verlassen. Sie hatte selbst am Tauftage das Haus zu hüten, und auch der Vater durfte im höchsten Falle bis zur Dorfgaststätte kommen, um dort nach dem Taufgottesdienst für die Hebamme und die Taufpaten (die Großeltern) einen Umtrunk zu spendieren.
Es ist heute unvorstellbar, dass die Eltern nicht bei der Taufe ihres Kindes zugegen sind. Laut Eintrag aus einer Sitzung der Lübbecker Kreissynode war das zum Beispiel in der Kirchengemeinde Pr. Ströhen noch bis 1933 der Fall. Erst durch den Mut eines jungen Ehepaares, der Taufe ihres Kindes beizuwohnen, sei der alte Brauch durchbrochen worden.
Sitten und Gebräuche spielten einst im Leben der Menschen eine große Rolle. Glaube und Aberglaube lagen dabei oft dicht nebeneinander. Das traf auch auf die Taufe eines Kindes zu.
Wie ist es sonst zu verstehen, dass die Kindsmutter erst nach der Taufe ihres Kindes wieder in ihrem alten gesellschaftlichen Umgang aufgenommen wurde und sie vor ihrem ersten Kirchgang den Pastor in der Sakristei aufsuchte, um gemeinsam mit ihm zu beten und gesegnet zu werden..
Natürlich wurde auch ein Neugeborenes genau begutachtet, ob es dem Vater, der Mutter oder sonst jemandem ähnelte. Für ein schlimmes Zeichen sah man an, wenn dem Kind ein kleines auffälliges Äderchen quer über die Nasenwurzel lief. Dies sollte seinen frühen Tod bedeuten.
Kinder, die am Karfreitag unter der Predigtzeit geboren wurden, sollten mit der Gabe des Hellsehens behaftet sein und Geschehnisse voraussagen können.
Es gehörte zum Brauch, dass derjenige aus der Nachbarschaft, der den Brautwagen eines jungen Paares gefahren hatte, auch die Ehre hatte, das Neugeborene samt Hebamme, Paten und Großeltern zur Taufe zur Kirche zu fahren. Im Dorfgasthof, der meist neben der Kirche lag, wurde hinterher ein Umtrunk gehalten. Waren mehrere Kinder gleichzeitig getauft worden, wurden sie zum Vergleichen mit ins Gasthaus genommen. Dabei soll es vorgekommen sein, dass bei fortgeschrittener Stimmung Kinder vertauscht wurden. Die Hebamme war es, die deshalb auch hier ein sorgsames Auge auf ihren „Schützling“ hatte und aufpasste, das alles seinen geordneten Gang ging.
Ein Taufstein der besonderen Art wird im Turmbereich der Rahdener St. Johanniskirche aufbewahrt. Er stammt aus dem Jahre 1414 und ist aus einem Stein gehauen.Foto: Horstmann
DK 20.3.2010