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Christine Scheele
In seinem letzten Orgelkonzert zeigte Kantor Roger Bretthauer sein Können auch auf der Espelkamper Orgel.
„Die Musik braucht Dunkel und Licht.“ Sagte der Thomaskantor in seiner Einführung zu dem eindrücklichen Konzert, in dem neben den beiden großen Werken wie Bachs „Passacaglia“ und Liszts „Praeludium und Fuge über das Thema B-A-C-H“, auch Sweelicncks“ Onder een linde groen“ Viernes „Carillon de Westminster“ und Improvisationen über „Was mein Gott will“ zu Gehör gebracht wurden. Bretthauers Hinweise zum Verständnis der Musik vertieften das Hören der ca. 100 Konzertbesucherinnen und Besucher, sein Spiel ermöglichte ihnen tiefes Eintauchen in einen Bereich, in dem Worte immer schon zu spät kommen. Der Spannungsbogen war weit gespannt. Er schloss sowohl taumelnde Verzweiflung, als auch naive Einfachheit, fließende Stille und leichte Munterkeit ein.
Bachs Passacaglia führte in tiefe Dramatik hinein. Was zunächst wie ein entmutigtes Stapfen im Schnee empfunden werden konnte, mit hohen Tönen, die schmerzten wie klirrende Kälte, hatte auch etwas Widerständiges. Melodien schienen gegeneinander zu laufen bis im Augenbblick der Stille die Klarheit des Tones hörbar wurde. Tumult und Tiefe erschütterten und ermutigten zugleich. Zarte und weiche Passagen wechselten sich mit vollmächtigen, kraftvollen Ausdruck ab. Das Einzelne verschwandt im Meer.
Im Kontrast dazu wirkte das Volkslied von Sweelinck naiv. Das Gotteslob, das sich an der Natur orientierte, zeigte sich als fröhlicher Reigen, fast ein Narrenspiel. Helle Einfachheit wurde spürbar.
Liszts Präludium und Fuge stellte eine ausdrucksstarke und technische Meisterleistung dar. In seiner Einführung erklärte Bretthauer:“ B-A-C-H diese Töne sind schwer zu harmonisieren. Das Thema sperrt sich gegen jede freundliche Musik.“ Es sei mehr eine Phantasie und keine Fuge. Die Besucher stiegen mit den Tönen hinab in Tiefen, in denen es gefährlich wird. Wenn der Abstieg auch behutsam und vorsichtig erfolgte und zunächst kein taumelndes Stürzen spürbar war, so kam ihnen doch das Dunkel entgegen. Einzele Töne wurde erkennbar als trügen sie die Last der Verzweiflung, vielleicht sogar bis an die Grenze von „Verrückheit“, wo Realität ver- rückt, an eine andere Stelle tritt. Diese Musik verstört. Wer sich auf sie einläßt, kommt nicht heile heraus.
An dieser Grenze führen die Improvisationen wieder hinauf ins Licht. Eine feine Melodie trotz Donnergrollen zeigten die Virtousität des Organisten. Wie ein heller Sonenaufgang kam dem Konzertbesucher das letzte Stück entgegen. Diese „muntere Darstellung“, die mit ihren Variationen zum Geläut von „Big Ben“, wie ein Tanz erfrischte, beendete das Konzert.
Der Applaus wollte nicht enden. Man spürte den Dank für das Konzert und zugleich den Beginn eines Abschieds von dem Kirchenmusiker, der im Januar den Kirchenkreis verläßt.

VON CHRISTIANE TIETJEN
Espelkamp.Passend zur herbstlichen Jahreszeit mit ihrer früh hereinbrechenden Dunkelheit und den am Morgen auf dem Raureif glitzernden Sonnenstrahlen war das Orgelkonzert von Kantor und Solist Roger Bretthauer schlicht „Dunkel und Licht” genannt worden.
Aber nicht nur die von uns mit dem Auge erkennbaren Erscheinungen wurden musikalisch thematisiert, sondern auch die Stimmungen und Färbungen der Seele. Wo sich in einen hellen, strahlenden Ton plötzlich eine dunklere Färbung mischt oder aus einem düsteren Klang etwas Leichtes und Helles hervorblitzt, entsteht Tiefe.
Und so bewegte sich Roger Bretthauer spielend durch viele Musikepochen, angefangen von der Renaissance über Barock und Spätromantik zur Neuzeit und erläuterte vor den Stücken Wesentliches und Wissenswertes in kurzen Worten. Dabei benutzte er die kleinere, versetzbare Orgel, das Positiv, zum Vorspielen eines Themas, aber auch zum Vortrag einzelner Stücke.
Die „große“ Orgel war den technisch komplizierteren Kompositionen mit ihrem ungeheuren Farbenreichtum vorbehalten, wie beispielsweise in dem „Präludium und Fuge über das Thema B-A-C-H” von Franz Liszt, der „Passacaglia“ von Johann Sebastian Bach und dem „Carillon de Westminster“ von Louis Vierne.
Neben dem hübschen lautmalerischen „Onder een Linde groen“ des Niederländers Jan Pieterson Sweelinck ließ Roger Bretthauer eine selbst komponierte Improvisation zu dem Choral „Was mein Gott will, gescheh allzeit“ auf dem Positiv erklingen, am Ende begleitete er zwei Strophen, die vom Publikum mitgesungen wurden.
Das recht zahlreich erschienene Publikum genoss das Konzert sichtlich und spendete viel Applaus.
NW 16.11.
Von Cornelia Müller
Espelkamp (WB). Dunkel und Licht - nirgends liegen sie so dicht beieinander wie am Ende des Kirchenjahres. Mitten im dunklen Monat November das Gedenken an die Toten und der Ewigkeitssonntag, eine Woche später leuchtet bereits hell die Hoffnung auf die Ankunft des Erlösers.
Roger Bretthauer hat bei seinem letzten Orgelkonzert als Kantor der Martinskirchengemeinde die Zuhörer tief bewegt.Foto: Cornelia Müller
Auch in der Musik spiegeln sich Dunkel und Licht, und beide Klangfarben sollten auch in dem Orgelkonzert erklingen, das Kantor Roger Bretthauer am Sonntag in der Thomaskirche gegeben hat. Konzipiert war das Konzert als Gesprächskonzert: Roger Bretthauer gab jeweils einen kurzen Einblick in die Entstehung der einzelnen Werke und ergänzte seine Erläuterungen mit Klangbeispielen.
»Oft hat gerade Musik von dunkler Farbe eine besondere Wirkung auf uns, die man mit Worten gar nicht beschreiben kann«, sagte Bretthauer. Das beste Beispiel dafür waren Johann Sebastian Bachs Passacaglia in c-Moll und Franz Liszts Präludium und Fuge über das Thema »B-A-C-H«, die Roger Bretthauer für sein Konzert ausgewählt hatte. Sie sagten das Unsagbare mit Musik und sprachen zu den Zuhörern auf eine erhaben-mahnende (Bach) und geradezu verstörend düstere (Liszt) Art und Weise. Dabei war die ganze Virtuosität des Organisten Bretthauer gefordert: Er ließ die große Orgel der Thomaskirche eine unwiderstehliche, beinahe drohende Kraft entfalten. Sich der Wucht dieser Klänge zu entziehen und von der Sprachgewalt dieser beiden musikalischen Meisterwerke unbeeindruckt zu bleiben, war unmöglich.
Ganz anders dagegen Jan Pieterszoon Sweelincks »Onder een linde groen«. Bretthauer trug die vier Variationen eines alten Volksliedes auf dem Orgelpositiv vor, was - ganz ohne Pedal und in einer mitteltönigen Stimmung - dem Klang des 16. Jahrhunderts am nächsten kam. Das Ergebnis war ein sehr fröhliches und tänzerisches Stück, das auf »fast kindlich-naive« Weise die Freude an der Natur zum Ausdruck brachte. Auch Louis Viernes gut dreihundert Jahre später entstandene Komposition »Carillon de Westminster« atmete diesen Geist der Leichtigkeit. Vierne ahmt darin das Geläut von Big Ben nach, das von tausenden kleiner Glöckchen begleitet zu werden scheint.
Irgendwo zwischen den Extremen stand Bretthauers eigene Improvisation über den Choral »Was mein Gott will, gescheh allzeit« im Stil einer dreiteiligen romantischen Fantasie. Hier erhielten beide Momente - das dunkle wie das helle - Raum, sich zu entfalten.
Nicht nur weil es das letzte Orgelkonzert Bretthauers in Espelkamp war, war dieses Konzert etwas ganz Besonderes. Die achtzig Zuhörer in der Thomaskirche waren tief bewegt und bedankten sich mit besonders lang anhaltendem Applaus.
WB Artikel vom 15.11.2011