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VON IMMER LOREK
Lübbecke. Zum Auftakt des Lübbecker Kultursommers las Alissa Walser aus ihrem neuen Roman mit dem auffallenden Titel „Am Anfang war die Nacht Musik“ in der Andreaskirche. Am Klavier wurde sie von der Konzertpianistin Daniela Geene begleitet, die zum Text passende Sonaten von Mozart und Haydn spielte.
Walsers Roman passt unmittelbar zum Thema des Kultursommers „Hin und Weg“, da seine Hauptfiguren unkonventionelle Wege im Denken und Erleben ausprobieren und sich auf Veränderungen einlassen.
Die Autorin verstand es, ihr Publikum schnell für die Geschichte des umstrittenen Arztes und Wunderheilers Franz Anton Mesmer im Wien des 18.Jahrhunderts, und seiner blinden Patientin, der begabten Pianistin und Sängerin Maria Theresia Paradis, zu begeistern.
Die siebzehnjährige Tochter des kaiserlichen Hofsekretärs, die bereits seit ihrem dritten Lebensjahr erblindet ist, zeigt wenig menschliche Regung im Umgang mit anderen. Sie wird als „monströses Kind, bleich, mit Wachs geschminktes Wachs“ mit einer hoch toupierten Perücke beschrieben, durfte jedoch nie wirklich Kind sein. Nur wenn sie am Klavier sitzt und singt, ist ihre Stimme klar und ihr maskenhaftes Äußeres fällt von ihr ab. Die Musik scheint die einzige Brücke zur Außenwelt, die ihr bleibt.
Ihre in den Konventionen des 18.Jahrhunderts erstarrten Eltern haben bereits etliche namhafte Ärzte vergeblich aufgesucht. Als das Mädchen dem Arzt Mesmer vorgestellt wird, entsteht ein spannendes Geflecht zwischenmenschlicher Beziehungen, einerseits zwischen Arzt und Patientin, die in ein Wechselspiel zwischen Distanz und Nähe geraten, andererseits zwischen dem Arzt und den Eltern der Blinden. Die gemeinsame ungeteilte Liebe zur Musik verbindet Mesmer und Paradis und ermöglicht schließlich erste Erfolge durch seine umstrittene Therapie mit Magnetstrahlen, die jedoch nicht von Dauer sind. Durch ihre ruhige Art des Vortragens war es ein Vergnügen, der Autorin zuzuhören.
Doch schon bald drängte sich dem Publikum die Frage auf, ob Paradis Erkrankung allein körperliche Ursachen habe oder ob nicht vielmehr seelische Probleme, die unerträgliche Angst in der Nacht der Erblindung, ausgelöst durch häusliche Streitereien, mit dafür verantwortlich waren. Diese Vermutung wird durch die wiederholten Äußerungen des Vaters der Patientin, der sich statt seiner Tochter lieber einen Sohn gewünscht hätte, noch unterstrichen: „Kind, was wärst du doch für ein prächtiger Sohn geworden.“ Mesmer als Begründer des Magnetismus wird in der Tat auch als Vorläufer Siegmund Freuds beziehungsweise der Psychoanalyse angesehen. Obwohl Mesmer selbst jeder Krankheit eine stoffliche Ursache unterstellte und den Magnetstrahlen aus dem Kosmos eine große Auswirkung auf den menschlichen Körper zuschrieb, hielt auch die Autorin diese Interpretation aus heutiger Sicht für plausibel. Ihre dichte, bildhafte Sprache im Roman ließ immer wieder die Nähe zur viel thematisierten Musik spürbar werden, die sich ebenfalls im Titel des Buches niederschlägt.
Auch schien es, als ob die einfühlsamen musikalischen Darbietungen der Pianistin zwischen den einzelnen Lesungsabschnitten mit dem Roman verschmolzen, da das Klavier auch im Text durchgehend auftaucht. Alissa Walser, die ihre literarischen Wurzeln in erster Linie im amerikanischen Raum sieht, wo sie längere Zeit gelebt hat, und nicht im Schaffen ihres bekannten Vaters, des Schriftstellers Martin Walser, fesselte ihr Publikum bis zum Schluss und machte neugierig auf tiefere Einblicke in die feinstoffliche Beziehung zwischen Arzt und Patientin. Ihr ginge es in erster Linie um „das Stumme, das Blinde und alles, was nicht zu erklären ist“, um „das Scheitern des Gefühls am System des Verstandes“, so die Autorin. Das ist es auch, was ihren Roman so einzigartig macht.
Perfektes Duo: Autorin Alissa Walser (l.) und Pianistin Daniela Geene . FOTO: IMME LOREK

Von Cornelia Müller
Lübbecke (WB). »Hin und weg« lautet das Motto des Lübbecker Kultursommers. Das Motto soll auch als Aufforderung verstanden werden, in Bewegung zu geraten und neue Wege zu beschreiten, so Pfarrer Jürgen Giszas bei der Auftaktveranstaltung in der St.-Andreas-Kirche.
Alissa Walser, Tochter des berühmten Schriftstellers Martin Walser, machte den Auftakt des Kultursommers. Ihr Romanheld ging auch seine eigenen Wege. Der Arzt Franz Anton Mesmer (1734 bis 1815) setzte auf die Heilkraft der Magnete - und stieß damit auf einhellige Ablehnung in der medizinischen Fachwelt. Von dieser schillernden Persönlichkeit handelt Alissa Walsers Roman »Am Anfang war die Nacht Musik«, aus dem die Schriftstellerin und Malerin einige Auszüge las.
»Am Anfang war die Nacht Musik« erzählt von einem Protagonisten, der zum Scheitern verurteilt ist, weil er unfähig ist, mit seiner Umwelt zu kommunizieren. Mesmer leidet an diesem Unvermögen, sich auszudrücken - genau wie seine berühmteste Patientin, die Pianistin Maria Theresia Paradis. Diese ist im Alter von drei Jahren durch ein traumatisches Erlebnis erblindet und durch die Bevormundung der karrierebewussten Eltern beinahe auch verstummt. Als alle anderen Ärzte nichts gegen ihre Blindheit ausrichten können, wendet sich ihr Vater an Mesmer. Der gewinnt nicht nur das Vertrauen seiner Patientin, es stellt sich auch eine Besserung ihres Sehvermögens ein. Der Preis ist hoch: Im selben Maße, wie die Patientin zu sehen lernt, entgleitet ihr die Musik.
»Am Anfang war die Nacht Musik« ist nicht nur ein fesselnder historischer Roman, der die Psyche seiner Hauptfiguren bis in die Tiefe auslotet, sondern auch eine Auseinandersetzung mit der Musik, den Grenzen der Sprache und mit dem Sehen. »Ich bin studierte Malerin: Das Sehen war schon immer ein Thema, das mich beschäftigt hat. Auch hier ist es ein ganz großes Thema - allerdings mit negativem Vorzeichen«, sagte Alissa Walser. Musikgeschichtlich ergänzt wurde Alissa Walsers Lesung durch die Konzertpianistin Daniela Geene. Sie trug Kompositionen von Mozart und Haydn vor, deren Entstehungszeit genau in den Handlungszeitraum des Romans fiel.
WB Artikel vom 20.07.2010