
Sie befinden sich hier: / Gemeinsame Dienste / Krankenhausseelsorge / Informationen
VON KERSTIN KORNFELD

Lübbecke/Pr.Oldendorf. Marlies Kühn brachte es auf den Punkt: "Man glaubt nicht, wie viele Talente frei liegen, wenn man’s anpackt. Es muss nur jemand anpacken. Genau das hab’ ich getan." Die 75-Jährige hat ein Händchen für soziales Engagement und fasste die Aufgaben an. Deshalb bekam sie gestern den Verdienstorden.

Zusammen mit dem Lübbecker Krankenhauspfarrer Paul Alexander Lipinski, der sich ebenfalls intensiv um Menschen kümmert, die ihre Interessen nicht allein vertreten (können). Auch er nahm ihr Wohlergehen in seine Hände.

Landrat Dr. Ralf Niermann zeichnete den Mindener und die Bad Holzhauserin für ihren "kontinuierlichen, hartnäckigen Einsatz" aus. Viele Freunde, Verwandte und Weggefährten hatten die beiden an ihrem Ehrentag ins Kreishaus begleitet.
Zu den Gratulanten zählte Pr. Oldendorfs Bürgermeister Jost Egen, der Marlies Kühn die "Seele der AWO" nannte: "Wir sind stolz, dass wir solche Bürger in der Stadt haben." Im Namen der Stadt Minden gratulierte deren stellvertretender Bürgermeister Egon Stellbrink Paul Lipinski. Hartmut Fuhrmann war für den Club 74, den Förderkreis für seelisch kranke und behinderte Menschen, gekommen. Er sprach für die 70 Mitarbeiter des Vereins, für die Lipinski in einer Krisensituation Verantwortung übernommen habe, indem er "das Schiff ,Club 74’ in ruhiges Fahrwasser lenkte".
Außerdem gratulierte Fuhrmann im Namen der Betreuten, deren seelische Nöte dem 54-Jährigen als Seelsorger im Krankenhaus bekannt seien. Lipinski habe die Selbstbestimmung und gleichberechtigte Teilhabe der psychisch Kranken am gesellschaftlichen Leben gefördert: "Danke an ihn und seinen obersten Chef!"
Stolz auf ihre Mutter und Oma können Marlies Kühns Söhne Detlef und Ingo sowie die drei Enkel sein. Nach einer kaufmännischen Ausbildung im elterlichen Betrieb hatte sie, ein "Pr. Oldendorfer Urgewächs" (so Niermann), in mehreren Unternehmen gearbeitet, bis sie in den öffentlichen Dienst und schließlich 1979 zur Stadt Espelkamp wechselte, wo sie bis zur Rente 1996 tätig war. Sie setzte sich auf vielen Feldern für die Interessen von Frauen, Senioren und Arbeitnehmern ein: als Vorsitzende des Personalrats forderte sie Teilzeitstellen und in der ÖTV (heute Verdi) die Gleichstellung der Geschlechter im Arbeitsleben; sie war in der AWO und der SPD Bad Holzhausen sowie im Seniorenclub aktiv, sie rief Tanzgruppe und Handarbeitskreis ins Leben, dessen fleißige Damen durch den Verkauf ihrer Arbeiten schon 20.000 Euro spenden konnten. "Kinder und Jugendliche ohne Schulabschluss liegen uns besonders am Herzen", sagte Marlies Kühn. "Wir haben auch schon für Lebenshilfe, Hospiz und Kindergarten gespendet."

Anders als die Bad Holzhausenerin stammt Paul Lipinski nicht aus der Region: Er ist gebürtiger Dortmunder. Bereits während des Theologiestudiums arbeitete er am Wochenende und in den Ferien auf der Station für Schwerstbehinderte in Bethel. 1987 war der damals 31-Jährige der erste berufene Krankenhauspfarrer des Kirchenkreises Lübbecke, wobei er sich in der Seelsorge besonders für die Menschen einsetzte, die in der Psychiatrie behandelt wurden. Deshalb übernahm er 1988 den Vorsitz des Clubs 74, der chronisch psychisch Kranke unterstützt. Lipinski leistete Aufbauarbeit, da der Verein damals vor der Auflösung stand und die Begegnungsstätten geschlossen werden sollten. Dank des engagierten Pfarrers entwickelte sich der Club 74 von einer Selbsthilfe-Organisation in einen professionellen Träger, der Wohn-, Tages- und Begegnungsstätten im Mühlenkreis betreut und vielfältige Hilfen anbietet.
Lipinski ist heute Vorsitzender des Aufsichtsrats. Bei seiner Amtsübernahme hatte der Verein sieben Mitarbeiter, die sich um 50 Erkrankte kümmerten. Heute sind es 70 Mitarbeiter, die täglich 500 Menschen betreuen.
In seiner Rede nach der Ordensverleihung sagte der Geehrte: "In meinem Herzen ist viel Dank." Den richtete er auch an Gott, "der mir Kraft gibt".
Kreis Minden-Lübbecke (WB). Wenn Menschen füreinander eintreten und gerade die Schwachen in der Gesellschaft unterstützen, ist das eine auszeichnungswürdige Ausnahme. Darum durften Marlies Kühn aus Bad Holzhausen und Paul Alexander Lipinski aus Minden gestern Verdienstmedaillen des Verdienstordens der Bundesrepublik im Kreishaus Minden entgegen nehmen.
Vor dem Sitzungssaal des Kreishauses herrscht drangvolle Enge. So viele Gratulanten und Angehörige sind zu der Verleihung gekommen, dass sich sogar der in Sachen Ehrungen durchaus erfahrene Landrat Dr. Ralf Niermann wundert: »Das ist eine der stärksten Teilnahmen, die ich bisher erlebt habe.«
Gemeinsam mit Marlies Kühn sind 26 Gäste in Minden angereist - dazu zählen ihre beiden Söhne Detlef und Ingo Kühn, ihre Schwestern und ein großer Teil des Handarbeitskreises der Arbeiterwohlfahrt (AWO) Bad Holzhausen. Auch Paul Alexander Lipinski hat ein großes Gefolge aus Freunden, Mitarbeitern des Vereins Club 74 und Familienangehörigen dabei, unter anderem seinen Lebenspartner Jochen Mühlbach. Vor der Verleihung ist Lipinski aufgeregt. »Im Dezember habe ich die Nachricht bekommen, dass sie mir die Verdienstmedaille verleihen«, erzählt der 54-Jährige. Er sei gleichzeitig verlegen und riesig erfreut gewesen: »Mit so etwas rechnet man ja nicht.«
Dass beide, Marlies Kühn und Paul Alexander Lipinski, eine Menge getan haben, um diese Auszeichnung des Bundespräsidenten zu verdienen, macht Dr. Niermann in seiner Laudatio deutlich. »Sie sind das, was die Experten als den Humus unserer lebendigen, aktiven Bürgergesellschaft beschreiben.«
Niermann ehrt als Erste Marlies Kühn - vor allem für ihren jahrelangen Einsatz als Vorsitzende des AWO-Ortsvereins Bad Holzhausen. Die heute 75-Jährige ist dort geboren und aufgewachsen.
Schon bevor sie der AWO 1987 beitrat, hat sie sich für die Rechte ihrer Mitmenschen engagiert. Von 1979 bis 1996 arbeitete Marlies Kühn als Sachbearbeiterin der Wohnungsbauförderung in Espelkamp und war dort von 1987 bis 1995 Vorsitzende des Personalrates.
Dabei, hebt Landrat Niermann hervor, »setzten Sie sich dafür ein, dass Teilzeitstellen geschaffen wurden, um insbesondere Frauen die Möglichkeit zu bieten, weiter berufstätig zu bleiben.« Dabei sei sie ihrer Zeit weit voraus gewesen. Besonders viel Herzblut hat Marlies Kühn in die Arbeit mit und für Senioren im AWO-Ortsverein investiert, dessen Vorsitzende sie von 1997 bis 2009 gewesen ist. Ob Spielenachmittage, Info-Veranstaltungen, Sommerfeste, Weihnachtsmärkte oder Ausflüge - Marlies Kühn nahm die Organisation in die Hand. Außerdem war sie an der Gründung einer Tanzgruppe und des Handarbeitskreises beteiligt und setzte sich auch für die soziale Gerechtigkeit der Generationen ein: Im Laufe der Jahre spendete der Handarbeitskreis der AWO mehr als 20 000 Euro für die Jugendarbeit Preußisch Oldendorfs.
Auch die Liste der kommunalpolitischen Ehrenämter Marlies Kühns ist lang: Vorstandsmitglied und Seniorenbeauftragte des SPD-Ortsvereins Bad Holzhausen, sachkundige Bürgerin im Sozialausschuss sowie im Schul-, Bildungs- und Kulturausschuss der Stadt. »Sie haben in Stille gewirkt und waren in ganz vielem sehr fleißig«, lobt angesichts dieser Liste auch Preußisch Oldendorfs Bürgermeister Jost Egen. »Sie sind die Seele der AWO. Ich bin stolz, dass wir solche Bürger in der Stadt haben.«
Marlies Kühn gibt das Lob zurück an die Bad Holzhausener: »Die haben immer wunderbar mitgemacht.« Ihr unermüdlicher sozialer Einsatz ist ihr eine Selbstverständlichkeit: »Es muss jemand da sein, der diese Sachen übernimmt, und das habe ich getan.«
Nicht weniger engagiert für eine sozialere Gesellschaft ist Paul Alexander Lipinski. Der geborene Dortmunder kam nach seinem Theologie-Studium 1987 nach Minden-Lübbecke und ist seither der erste berufene Krankenhauspfarrer des Kirchenkreises Lübbecke. Niermann: »Die Konzeption für die Seelsorge des Krankenhauses Lübbecke unter besonderer Berücksichtigung psychiatrischer Belange verdanken wir Ihrem Einsatz.«
Seine Verdienstmedaille erhält er vorrangig dafür, dass er als Vorstandsvorsitzender und Aufsichtsratsvorsitzender den Club 74 e.V. von der Selbsthilfeeinrichtung für psychisch erkrankte Menschen zum Verein umstrukturiert hat. »Bei Ihrer Amtsübernahme hatte der Verein sieben Mitarbeiter und betreute 50 Erkrankte«, sagt Niermann. »Mittlerweile verfügt er über etwa 60 Mitarbeiter und betreut täglich 500 Personen mit psychischen Erkrankungen in den unterschiedlichen ambulanten und stationären Einrichtungen.« Lipinski nimmt die Medaille und die ehrende Ansprache von Hartmut Fuhrmann, Vorstandsvorsitzender des Clubs 74, sichtbar gerührt entgegen. »Was haben wir in 20 Jahren nicht alles geschafft«, sagt er und dankt seinem Mann für dessen Unterstützung. WB 19.2.2010